Firmenporträt Wilo SE

DORTMUNDER FAMILIENUNTERNEHMEN GREIFT NACH DEN STERNEN AUF DEM WELTMARKT  

 

Umlaufbeschleuniger ist ein sperriges Wort. Es kann in die Irre führen. Es klingt nach Weltraum, Apollo 13 und ganz viel Technik. Als würden Astronauten in ihrer Kapsel auf der Umlaufbahn um die Erde so stark beschleunigt, dass sie es bis zum Mond schaffen. Ein Griff nach den Sternen quasi, verpackt in technisches Deutsch. Umlaufbeschleuniger. Dabei geht es nicht um Mondlandungen, sondern um eine weit bodenständigere Sache, um die Heizung in der heimischen Wohnung. Für die Menschheit ist die Erfindung des Umlaufbeschleunigers, die dem Dortmunder Ingenieur Wilhelm Opländer 1928 gelang, wohl noch wichtiger als jeder Ausflug ins All. Zugleich ist sie der entscheidende Schritt auf dem Weg zu einem der größten und erfolgreichsten Unternehmen Dortmunds: Wilo, fast 150 Jahre alt, rund 8000 Mitarbeiter stark, auf der ganzen Welt zu Hause. (Fotos: Dieter Menne, Repros: Wilo SE)


Dabei beginnt die Geschichte dieses Familienunternehmens eher bescheiden. 1872 gründet der 27-jährige Caspar Ludwig Opländer, genannt „Louis“, in Dortmund die „Kupfer- und Messingwarenfabrik Louis Opländer“. Sie stellt Wasserhähne, sowie Zu- und Abflussrohre her und liefert zudem Anlagen für die heimischen Brauereien, für Bergwerke und die Stahlindustrie. In den rasch wachsenden Industriestädten des Ruhrgebiets herrscht großer Bedarf an all diesen Dingen.

Sein ältester Sohn Louis setzt sein Werk fort, ein überaus kluger und kreativer Kopf. Mit zahlreichen Erfindungen bringt er das Unternehmen voran. Er entwirft Waschkauen mit Warmwasser, Kleideraufzüge, Lüftungs- und Sprinkleranlagen und vor allem Dampf- und Warmwasserheizungen.

Führende Position im Zentralheizungsbau

Die Firma „Louis Opländer“ erkämpft sich so eine führende Position unter den Unternehmen im Zentralheizungsbau. Und dann kommt Wilhelm Opländer, Sohn von Louis Opländer, und seine Erfindung des Umlaufbeschleunigers. Seinerzeit ist er gerade 26 Jahre alt. Seine Erfindung bedeutet eine Revolution der Heizungstechnik. Wasser kann nun unabhängig von der Schwerkraft mit Hilfe einer Pumpe durch Rohre geleitet werden.

Solche Pumpen werden zum Herz des neuen Unternehmens Wilo, das sich 1965 – benannt nach den Anfangsbuchstaben von Dr. Wilhelm Opländer – diesen Namen gibt. Sein Sohn Jochen Opländer sagt Jahrzehnte später über die bahnbrechende Erfindung: „Was meinen Vater im Jahr 1928 antrieb, war nicht nur, eine Umwälzpumpe zu entwickeln. Er wollte die ungesunde Ofenheizung durch eine hygienische Zentralheizung ersetzen und so die Lebensbedingungen der Menschen verbessern.“

Wilo erlebt durch das Pumpengeschäft eine kometenhafte Entwicklung. Dafür sorgt zunächst Jochen Opländer, der Sohn von Wilhelm Opländer. Er treibt die technischen Entwicklungen, das Wachstum und die Internationalisierung von Wilo voran, zunächst als Geschäftsführer und Vorstand, später als Vorsitzender des Aufsichtsrats.

Diese positive Unternehmensentwicklung führt Oliver Hermes (49) konsequent fort. Seit 2006 gehört er dem Vorstand an, seit 2009 ist er Vorstands-Chef der Wilo-Gruppe und damit Nachfolger von Dr. Jochen Opländer.

Vorstellung der weltweit ersten Digitalpumpe

Wilo bringt immer neue Generationen von Pumpen auf den Markt. 2017 wird die weltweit erste Digitalpumpe vorgestellt. Seit 2018 ist sie auf dem Markt. Parallel dazu steigt Wilo in die Produktion von Rührwerk- und Belüftungssystemen für biologische Kläranlagen ein. Immer, wenn Wasser bewegt wird, kommt Wilo nicht nur als Komponentenhersteller, sondern auch als Lösungsanbieter ins Spiel.

Die Unternehmensstruktur passen Obländer und Hermes den wachsenden Anforderungen des internationalen Geschäfts an. 2008 wird aus der Wilo AG eine europäische Aktiengesellschaft (SE). Wer gerne Aktien der Wilo SE kaufen möchte, hat allerdings schlechte Karten.

2011 gründet die Eigentümer-Familie Opländer die Wilo-Foundation. Die Mehrzahl der zuvor im Familienbesitz befindlichen Aktien der Wilo SE werden seinerzeit in die Stiftung eingebracht. Aktien im Streubesitz gibt es nicht.

Neben seiner Rolle als Vorstandsvorsitzender & CEO (Chief Executive Officer) steht Oliver Hermes seit April 2019 auch an der Spitze des Kuratoriums der Stiftung. Er ist zwar kein Mitglied der Familie, gehört aber praktisch dazu: „In der Zeit der langen beruflichen Zusammenarbeit hat sich zur Familie Opländer eine enge persönliche Freundschaft entwickelt. Es ist für mich eine große Ehre, die unternehmerische Nachfolge von Dr.-Ing. e.h. Jochen Opländer antreten zu dürfen“, sagt er.

Die Aufgabe, die Oliver Hermes schultert, ist gewaltig. 8000 Mitarbeiter, fast 1,5 Milliarden Euro Umsatz im Jahr, Vertriebsgesellschaften in allen wichtigen Ländern auf allen Kontinenten der Erde. Wilo habe sich in den vergangenen Jahren, so erzählt Oliver Hermes, von einem „Hidden Champion“, also einem „heimlichen Weltmarktführer“, zu einem „Visible Champion“, einem sichtbaren Champion der Branche entwickelt.

Konkurrenz im globalen Wettbewerb

Man zähle heute zu den „Top ten“, wenn es um Pumpen gehe. Und das sei nicht nur für den Umsatz wichtig, sagt Oliver Hermes: „Das ist ja kein Selbstzweck. Wir müssen sichtbarer sein, weil wir uns im weltweiten Wettbewerb um die klügsten Köpfe, die flinksten Hände und die besten Auszubildenden befinden.“

Der globale Ansatz des Dortmunder Unternehmens spiegelt sich auch in den 15 Hauptproduktionsstandorten wider, an denen Wilo produziert – in Deutschland in drei, in Frankreich in zwei Werken, zudem in China, Korea, Russland, Indien, den USA und in anderen Ländern. Und das dürften nicht die letzten sein, denn Wilo wächst rasant.

„Grundsätzlich folgen wir dem Ansatz, lokal für lokale Märkte zu produzieren. Wenn wir also in einem Land einen Umsatz von mehr als 50 Millionen Euro machen, dann lohnt es sich für uns, dort eine eigene Produktionsstätte aufzubauen“, sagt Oliver Hermes.

Ausbau bestehender Standorte

Künftig werden auch bestehende Standorte ausgebaut, etwa in Indien und China: „Im Jahr 2020 wird China Deutschland als größten Absatzmarkt ablösen. Dort sind wir bereits seit 1995 vertreten, haben zwei Werke und freuen uns dort über ein Umsatzplus von rund 200 Millionen Euro“, sagt Oliver Hermes.

Um dies zu erreichen, hat Wilo in den Jahren von 2009 bis 2018 insgesamt rund 870 Millionen Euro investiert. Machbar ist das nicht zuletzt durch die Struktur des Unternehmens, hinter dem die Wilo-Foundation steht.

„Der mit Abstand größte Teil unserer Gewinne wird nicht an die Aktionäre ausgeschüttet, sondern wieder in das Unternehmen investiert“, sagt Oliver Hermes. „Das kommt damit auch den Mitarbeitern zugute. Unsere Stiftung ist auf Ewigkeit ausgelegt, das gibt uns die Möglichkeit, langfristig zu planen, und den Mitarbeitern Sicherheit.“

Die größte Investition derzeit ist der Bau des neuen Wilo-Parks in Dortmund. Für rund 300 Millionen Euro entsteht hier eine komplett neue Firmenzentrale. Produktion, Verwaltung, Entwicklung und Kundenservice werden an der Nortkirchenstraße in Hörde vereint.

Seit 1962 ist Wilo hier zwar schon mit heute rund 1800 Beschäftigten zu Hause, allerdings bringt die dynamische Entwicklung des Unternehmens es mit sich, dass man im Laufe der Jahre mehrere Standorte in Dortmund aufgebaut hat. Mit Ausnahme der Logistik wird jetzt wieder alles zusammengeführt, was zusammengehört.

Das alles geschieht in einem supermodernen, nach neuesten Erkenntnissen gestalteten Firmenkomplex, mit dem Wilo einen gewaltigen Entwicklungsschritt macht: „Wir wollen jetzt vom Visible Champion auch zum Connected, also vernetzten Champion werden“, sagt Oliver Hermes.

Optimierte Abläufe und Prozesse

Das betreffe nicht nur die Produkte, wie die weltweit erst kürzlich in den Markt gebrachte, digitale Hocheffizienzpumpe namens „Stratos Maxo“. Es gehe auch um Produktionsabläufe, um Prozesse. Forschung und Produktion sitzen beispielsweise im selben Gebäude, nur durch Fensterscheiben getrennt, damit die Wege kurz sind.

Die neue Fertigungsstätte ist als „Smart Factory“ konzipiert, also als voll digitalisierte Fabrik. „Wir setzen hier auf Industrie-4.0-Standard“, sagt Oliver Hermes. Wer durch die ultramodernen Hallen läuft, erkennt unter anderem an den fahrerlosen Transportfahrzeugen („Automated Guided Vehicle“), die mit Fracht automatisch durch die Hallen von einem Punkt zum anderen fahren, dass hier die Zukunft längst begonnen hat.

Künftig sollen auch Mitarbeiter freie Parkplätze und Arbeitsplätze durch entsprechende Apps finden. Statt starrer Büroformen sollen die Mitarbeiter einen Platz für sich finden, der ihren Anforderungen am jeweiligen Tag entspricht: etwa Still-Arbeitsplätze oder Gruppenräume.

In den neuen WiloPark wird auch der „Wincubator“ integriert, ein Brutkasten als Ideenschmiede für neue Geschäftsmodelle. „Dabei arbeiten wir mit Unternehmen aus der Start-up-Branche zusammen. Als etabliertes Unternehmen lassen wir uns von jungen, dynamischen Unternehmen des digitalen Zeitalters inspirieren“, sagt Oliver Hermes.

Synergien mit Wirtschaftseinrichtungen in der Metropole Ruhr

Gestartet ist der Wincubator in Berlin, inzwischen sei aber die Start-up-Szene auch im Ruhrgebiet groß und die Synergien mit den hier ansässigen Wissenschaftseinrichtungen so wichtig, dass man sich zu einem Umzug von Berlin nach Dortmund entschlossen habe, sagt Oliver Hermes. Und wenn in Dortmund Wilo auf den neuesten Stand gebracht ist, geht es weiter: „Dann wollen wir den Industrie-4.0-Standard auch auf alle anderen Produktionsstandorte ausrollen.“

Oliver Hermes hat mit Wilo Großes vor. Dabei zählt er sechs weltweite Megatrends auf, die für Wilo von herausragender Bedeutung seien: Globalisierung, Energieknappheit, Wasserknappheit, Urbanisierung, Digitale Transformation und Klimawandel. „Aus diesen sechs Megatrends leiten wir unsere Unternehmensstrategie ab“, sagt Oliver Hermes und nennt als Beispiel den Klimawandel und die Notwendigkeit, den Kohlendioxid-Ausstoß zu reduzieren.

„In einem Haushalt ist nicht die Waschmaschine, der Trockner oder der Kühlschrank der größte Stromfresser, sondern die Heizungspumpe. Eine alte Pumpe verbraucht im Durchschnitt etwa 600 Kilowattstunden Strom im Jahr, eine Pumpe der neuesten Generation weniger als 50. Weltweit werden etwa 10 bis 15 Prozent der elektrischen Energie durch Pumpen verbraucht. 90 Prozent dieser Pumpen sind alte, stromfressende Produkte“, sagt Oliver Hermes.

Wenn man in Europa alte durch neue Pumpen ersetze, könne man sieben mittelgroße Kohlekraftwerke abschalten, sagt Oliver Hermes und kann sich eine Bemerkung nicht verkneifen: „Wenn heute über die Energiewende geredet wird, dann wird immer erst die Angebotsseite betrachtet. Mindestens genauso wichtig ist aber die Nachfrageseite: Je mehr Energie ich einspare, desto schneller bekomme ich die Wende hin und schütze das Klima.“

Massive Verluste durch ineffiziente Systeme 

Beim Wasser sei es ähnlich, da gebe es durch ineffiziente Systeme massive Verluste. „London beispielsweise hatte im letzten Jahr im Durchschnitt Wasserverluste von rund 30 Prozent bei der Trinkwasserversorgung.“

Nachhaltiges Wirtschaften stehe daher ganz oben auf der Agenda von Wilo, auch im neuen Dortmunder Werk, wo man 40 Prozent Energie einsparen und zum klimaneutralen Standort werden will. Außerdem sollen – etwa durch Recycling – Rohstoffe gespart und Abfälle reduziert werden.

Wilo ist aus kleinen Anfängen zu einem Riesen der Branche geworden. „Von der Größe und den Strukturen her sind wir aufgestellt wie ein börsennotiertes, kapitalmarktorientiertes Unternehmen. Aber vom Herzen her sind wir ein Familienunternehmen geblieben“, sagt Oliver Hermes. „Wir sprechen bis heute von der Wilo-Familie und das tun auch unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.“ Vielleicht hängt das auch mit dem sozialen Engagement zusammen, das der Familie Opländer von Anfang an wichtig war.

Louis Opländer beispielsweise zählte 1898 zu den Mitbegründern des Ruderclubs Hansa in Dortmund. Im Rudersport dauert das Engagement der Wilo-Foundation bis heute an, geht aber weit darüber hinaus, umfasst neben dem Sport auch die Bereiche Wissenschaft, Kultur, Völkerverständigung und Bildung.

Darüber hinaus ist Wilo seit 2011 Champion-Partner von Borussia Dortmund. Insbesondere das soziale Engagement soll auch jetzt nicht zurückgefahren werden, wo Wilo gerade dabei ist, sich am Standort Dortmund neu zu erfinden und von hier aus nach den Sternen zu greifen.