Unsere digitale Zukunft ist lokal
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Moritz Tillmann und Philipp Ostrop im Interview

Unsere digitale Zukunft ist lokal

Das Leben wird immer digitaler – das hat Auswirkungen auf den Medienkonsum der Menschen und somit auf die Arbeit der Verlage. In modernen Medienhäusern braucht es deshalb neben Journalisten noch andere Experten.

 

Für die digitale Zukunft von Lensing Media stehen in der Chefredaktion derzeit vor allem zwei Gesichter: Moritz Tillmann und Philipp Ostrop. Über ihre Arbeit, Ziele und Erfahrungen hat sich Redakteur Florian Habersack mit den beiden unterhalten.

Euer Tisch ist in der Chefredaktion der einzige, auf dem nie eine Zeitung liegt. Womit beschäftigt Ihr Euch eigentlich den ganzen Tag?

Moritz Tillmann: Das stimmt natürlich nicht, ab und zu liegt hier schon bedrucktes Papier herum. Da liegt zum Beispiel eine Digital-Studie von Medienhäusern in Schweden. Aber Du hast Recht, wir beschäftigen uns im Moment nicht mit der gedruckten Zeitung. Wir haben mit der Neuentwicklung unserer digitalen Produkte genug zu tun. Wir wollen 2018 einiges Neues an den Start bringen – unter anderem einen neuen und besseren Internetauftritt.

Warum brauchen wir neue Internetseiten? Was ist an unserem aktuellen Auftritt im Netz falsch?

Moritz Tillmann: Naja, falsch ist daran nichts. Sie sind aber in die Jahre gekommen – und damit meinen wir ebenso die Struktur wie auch den Inhalt, den wir produzieren. Wir müssen uns anders positionieren. Das Internet ist ja etwas anderes als die Zeitung.

Das müsst Ihr mir erklären …

Philipp Ostrop: In einem abgeschlossenen Produkt wie der Tageszeitung muss alles drin sein. Die Zeitung ist jeden Tag „alles für alle“. Im Internet gibt es ja mehr Informationen, als ein Mensch in seinem Leben konsumieren kann. Wir können dort nicht „alles für alle“ sein, sondern müssen uns auf unsere Stärken konzentrieren: auf das Lokale und Regionale. Überregionale Nachrichten, die auf unzähligen anderen Internetseiten ebenfalls zu finden sind, wollen wir bei uns stark reduzieren.

Immer wieder hört man aus Eurer Ecke den Begriff „Freemium“. Was bedeutet das und was heißt das für die Besucher unserer Website?

Philipp Ostrop: Bislang konnten die Besucher unserer Website fünf Artikel pro Monat kostenlos lesen. Anschließend bitten wir sie, ein Digital-Abonnement abzuschließen, um weiterzulesen. Es ist für unsere Besucher aber nicht sehr transparent, wie viele Artikel man schon gelesen hat. Es ist kundenfreundlicher, wenn man von vornherein weiß, welcher Inhalt kostenfrei oder kostenpflichtig ist. In der Branche gibt es dafür den Begriff „Freemium“, eine einfache Kombination aus „Premium“ und „Free“, gemeint ist kostenpflichtig und kostenfrei. Man hat das Gefühl, die ganze Branche schaut derzeit nach Skandinavien.

Was wollen und können die deutschen Verlage dort lernen?

Moritz Tillmann: Die Menschen in Skandinavien ticken schon um einiges digitaler, das färbt auch auf die Verlage ab. Mit Blick auf Freemium-Angebote und Digital-Abonnements sind uns die schwedischen und norwegischen Kollegen ein paar Jahre voraus. Ich habe dort eine ganz andere Herangehensweise und Fokussierung erlebt: digital geht vor. Das hat Philipp auch bei einem Besuch bei der Washington Post in den USA erlebt. Die journalistischen Inhalte sind digital noch stärker auf die Bedürfnisse der Kunden zugeschnitten und erreichen somit auch viele neue Zielgruppen. Sie lernen mit ihren Kunden und entwickeln sich so immer weiter. Da wollen wir hin, wir wollen digital den Menschen in unserer Region die Inhalte liefern, die sie lokal auch wirklich interessieren.

Wie müssen digitale Inhalte Eurer Meinung nach aussehen, damit Leser dazu bereit sind, sie zu kaufen? Reicht ein besonders guter Text, oder gehört da mehr dazu?

Philipp Ostrop: Ob Text oder Video oder Podcast ist eigentlich egal. Es kommt darauf an, dass der Inhalt relevant ist. Ein richtig guter Text bleibt ein richtig guter Text. Wir haben vor ein paar Monaten ein ganz spannendes Experiment gemacht und eine neue Website getestet. Sie bestand vor allem aus längeren lokalen Geschichten – hintergründig, analytisch, unterhaltend. 75 Tester aus Dortmund hatten einen Zugang. Die meisten Tester fanden diese Art von Journalismus toll. Bei diesem Experiment haben wir viel für unsere Zukunft gelernt.

Moritz, Du bist kein Journalist, sondern hast unter anderem als Produktmanager bei E-Plus, der Deutschen Telekom und dem Handelsblatt gearbeitet. Wieso brauchen wir in der jetzigen Phase einen Mann wie Dich?

Moritz Tillmann: Es reicht einfach nicht mehr, nur noch ein einziges gutes journalistisches Produkt zu machen. Guter Journalismus wird immer der Kern unserer Arbeit sein, aber das Konsumverhalten der Menschen hat sich grundlegend verändert. Und es wird sich in Zukunft noch stärker verändern. Smartphones, digitale Sprachassistenten wie Alexa oder Smart Home sind erst der Anfang. Wenn wir uns da nicht schnellstens wandeln, werden wir irgendwann die Menschen nicht mehr mit unseren Inhalten erreichen. Somit rücken neue Technologien und digitale Kommunikationskanäle für uns immer mehr in den Fokus. Ich will mit meiner Erfahrung gemeinsam mit Philipp die Basis bauen, auf der unsere Redakteure die Menschen mit ihren tollen journalistischen Inhalten anders und vielleicht sogar noch besser erreichen.

Wieso glaubt Ihr, dass Lokaljournalismus auch für die Generationen wichtig ist, die digital aufgewachsen sind?

Philipp Ostrop: Das Leben ist lokal. Der Bedarf an relevanten Lokalnachrichten verschwindet ja nicht, nur weil es das Internet gibt.

Glaubt Ihr, dass in ein paar Jahren auch auf Eurem Schreibtisch wieder eine Zeitung liegen könnte, dass die Menschen wieder was zum Anfassen haben wollen?

Moritz Tillmann: Wohl eher nicht, aber Philipp und ich haben heute auch schon die Zeitung gelesen. Aber halt als eZeitung auf dem Smartphone.