Firmenporträt Uniferm

MIT HEFE AN DIE SPITZE EUROPAS

 

Wer heute in ein Brötchen beißt, bekommt es mit großer Wahrscheinlichkeit mit Uniferm zu tun. Er bekommt es mit Werne und der Familie Moormann zu tun. Das Städtchen an der Lippe ist Sitz der Uniferm, dem Marktführer in Deutschland, wenn es um Backhefe geht. An der Spitze des Unternehmens mit rund 400 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von etwa 100 Millionen Euro steht mit Jan Moormann (46) ein Kaufmann, der in neunter Generation einen Familienbetrieb führt, dessen Wurzeln mehr als 280 Jahre zurückreichen. (Fotos: Dieter Menne, Repros: Uniferm)


1737 gründet Johan Bernard Moormann in Werne eine Kornbranntwein-Brennerei und Brauerei mit einer Gastwirtschaft und einer Weinhandlung. Von Hefe ist damals noch nicht die Rede. Dieses Geschäftsfeld entwickelt sich erst ein Jahrhundert später. Hefe ist ein Nebenprodukt der Branntweinherstellung. 1837 sieht der damalige Unternehmer Johann Bernhard Rudolf Moormann darin eine lukrative Perspektive. Zurecht, wie sich zeigen soll.

Mit der Brennerei gewinnt im Laufe der Jahrzehnte die bei diesem Prozess entstehende Hefe immer mehr an Bedeutung. 1901 wird in der Innenstadt von Werne eine moderne Hefe-Fabrik eröffnet. Durch Beteiligungen an anderen Firmen und Übernahmen wächst Moormann kontinuierlich.

Der Zweite Weltkrieg bedeutet zwar einen Rückschlag, da die Fabrik in Werne schwer beschädigt ist, und die zu Moormann gehörenden Fabriken in Kiel und Aachen zerstört und die in Klagenfurt und Straßburg enteignet werden. Doch die Hefefabrik Moormann gibt nicht auf, startet in Werne wieder durch und entwickelt sich zum größten deutschen Privatunternehmen der Branche.

Die Bedeutung der Hefe hat zu dieser Zeit die anderen, ursprünglichen Geschäftszweige der Moormanns schon lange in den Hintergrund gedrängt. Die Weinhandlung schloss schon in den ersten 50 Jahren nach ihrer Gründung. Die Brennerei wurde erst mit dem Ende des Branntweinmonopols vor einigen Jahren aufgegeben.

Heute gibt es zwar noch immer Moormann-Schnäpse auf dem Markt, die werden allerdings von einer externen Brennerei produziert. Die Gaststätte in der Hornemühle in Werne haben die Moormanns verpachtet und die Landwirtschaft wird zwar noch von einem Mitglied der Familie Moormann geführt, sie ist aber kein Teil der heutigen Uniferm.

1970 übernimmt Dr. Günter Moormann das Ruder. Er ist Doktor der Medizin. Wie bitte? Medizin? „Ja, ich bin ausgebildeter Arzt, habe auch noch zwei, drei Jahre in diesem Beruf gearbeitet“, erzählt der heute 78-jährige Günter Moormann. „Aber 1970 zeigte sich, dass mein Bruder das Unternehmen nicht weiterführen wollte. Dann hat die Familie überlegt: Was machen wir jetzt? Verkaufen? Da habe ich mir gedacht: Das ist doch Wahnsinn, das musst du machen. Also habe ich mich in einem betriebswirtschaftlichen Crash-Kurs ausbilden lassen und die Unternehmensleitung übernommen.“

Umsiedlung des Betriebs Anfang der 1970er-Jahre

Die Herausforderungen, die vor dem jungen Arzt liegen, sind gewaltig. „Anfang der 1970er-Jahre kam in Werne die Stadtkernsanierung. Da mussten wir raus aus der Innenstadt und den ganzen Betrieb umsiedeln. Da habe ich gesagt: Wenn wir schon neu bauen, dann in einer Größenordnung, die sich an den größten Fabriken Europas orientiert und damit langfristig die Wettbewerbsfähigkeit sichert“, sagt Günter Moormann.

Unter seiner Regie schließt sich die Firma Moormann mit weiteren Hefeproduzenten zur Hefe-Union in Werne zusammen. Es ist ein entscheidender Schritt. „Zu dieser Zeit gab es noch etwa 30 Hefeproduzenten in Deutschland. Wir sind heute der einzige familiengeführte Betrieb, der noch übrig geblieben ist“, sagt Jan Moormann.

„Es gibt eigentlich nur noch drei große Gruppen, die heute weltweit im Hefebereich aktiv sind. Der Grund ist, dass man eine große Produktionseinheit braucht, um wettbewerbsfähig zu sein. Das ist kapitalintensiv. Vor 30, 40 Jahren haben die Werke teilweise nur 2000 bis 3000 Tonnen Hefe im Jahr produziert. Wir produzieren heute 100.000 Tonnen im Jahr“, sagt Jan Moormann. „Wir decken mit unserer Hefeproduktion in Monheim theoretisch den gesamten deutschen Hefemarkt ab. Sie ist der größte Produktionsstandort für frische Backhefe in Europa.“

Zusammenschluss zu Uniferm 1975

Monheim? Ja, Hefe wird heute nicht mehr in Werne produziert, sondern in Monheim. Mit den dort ansässigen „Rheinischen Preßhefe- und Spritwerken“ schloss sich die Hefe-Union 1975 zur Uniferm mit Hauptsitz in Werne zusammen. Uniferm steht dabei für „Union der Fermentationsspezialisten.

Dass Hefe seit 1976 in Monheim und nicht mehr in Werne fermentiert wird, hängt mit der Menge der produktionsbedingten Abwässer zusammen. In Monheim baute Uniferm eine eigene moderne Kläranlage und das geklärte, saubere Wasser wird heute direkt in den Rhein geleitet.

Noch bis ins Jahr 2000 wird Hefe in Werne abgepackt, aber eben nicht mehr fermentiert. Dafür werden hier weitere Backzutaten hergestellt. „Das sind im Grunde genommen neben Hefe und Mehl alle anderen Backzutaten, die Bäcker brauchen. Für Brote, für Brötchen, für sämtliche Kuchensorten, für feine Backwaren, für alles, was sie so benötigen“, erzählt Jan Moormann.

Neben der Produktion all dieser Zutaten ist Werne weiterhin Hauptsitz des Unternehmens. Hier ist nicht nur die Verwaltung, sondern auch der Logistikbereich zu Hause, der 2017 in die Firma Unilog, eine 100-prozentige Tochter der Uniferm, ausgelagert wurde. Auch die Forschungs- und Entwicklungsabteilung mit angegliederter Bäckerei und eine anwendungstechnische Bäckerei sitzen in Werne.

Für die Unilog ist 2016 auf dem Betriebsgelände ein hochmodernes Hochregallager mit einem integrierten Kühlbereich neu gebaut worden. Hier werden mit modernster Technik die Waren gelagert und für den Transport an die Kunden vorbereitet.

Vom kleinen Handwerks- zum großen Industriebäcker

Und die Kunden von Uniferm sitzen nahezu in ganz Europa, betreut von einem großen Vertriebsnetz, das von Werne aus gesteuert wird. „Unsere Kunden reichen vom kleinsten Handwerksbäcker bis zum großen Industriebäcker“, sagt Jan Moormann. „Wir behandeln alle in gleicher Art und Weise, auch die kleinsten Betriebe sind uns wichtig. Unser Exportanteil liegt bei etwa 40 Prozent. In Europa sind wir im deutschsprachigen Raum unterwegs, in Skandinavien und in Osteuropa bis hin nach Weißrussland und Russland.“ In einigen Ländern habe man bereits Vertriebs-Niederlassungen und weitere sollen folgen, sagt Jan Moormann.

Im Hefebereich sei der Markt mit drei weltweit operierenden Gruppen schon sehr konsolidiert, bei den Backzutaten sehe das anders aus. Aufgrund der größeren Produktvielfalt gebe es hier noch viele Anbieter auf dem Markt. „Für uns ist die Globalisierung ein Gewinn. Mit der Osterweiterung der EU sind wir auch in alle osteuropäischen Länder hineingewachsen“, sagt Jan Moormann.

Angesichts der internationalen Ausrichtung des Unternehmens sehe man Handelsstreitigkeiten und die Diskussion um Zölle gar nicht gerne. „Es bereitet uns schon Sorgen, was in Polen, Ungarn und einigen anderen Ländern geschieht. Wir waren selbst davon betroffen, als gegen Russland Sanktionen verhängt wurden. Wir durften nicht mehr alles exportieren“, berichtet Jan Moormann. Langsam bessere sich zwar die Lage, aber ganz verflogen seien die Sorgen nicht.

Um für die Zukunft gerüstet zu sein, investiert Uniferm. So wurde neben dem neuen Logistikzentrum gerade erst die Forschungs- und Entwicklungsabteilung in dem neuen Komplex untergebracht. Ein Labor, das einer modernen Großklinik alle Ehre machen würde, gehört ebenso dazu wie eine Bäckerei, in der neue Produkte getestet werden. Auch im Backbereich gebe es ständig neue Entwicklungen, denen man sich stellen müsse.

Jan Moormann verweist auf den Trend zu alten Getreidesorten wie Dinkel und auch auf die Renaissance des Sauerteigs. „Er ist neben Hefe die zweite natürliche Triebart, die wir haben. Wir bauen unsere Fermentationskompetenz in unserer Produktlinie FermFresh ständig weiter aus. Hier werden verschiedene Sauerteigarten mit unterschiedlichen Getreiden und Saaten für eine bessere Geschmacksbildung in Gebäcken fermentiert. Das ist nicht nur für Brot und Brötchen ein Thema, sondern inzwischen auch für feine Backwaren“, sagt er.

Natürliches Produkt mit gutem Geschmack

Außerdem gehe es heute um möglichst naturbelassene Zutaten, möglichst wenige Zusatzstoffe, wenig Zucker und Salz, eben um ein rundum natürliches Produkt. „Und schmecken soll es natürlich auch noch“, sagt Jan Moormann. Seinen Mitarbeitern – am Standort Werne sind es etwa 200 – jedenfalls schmeckt es, denn abends dürfen sie sich aus den Test-Backwaren bedienen, die hier am Tag gebacken wurden. „Da bleibt nichts übrig.“

Das gilt im Übrigen auch für das, was in der zweiten Bäckerei auf dem Gelände in Werne aus dem Ofen gezogen wird. In dieser Anwendungsbäckerei wird Kunden gezeigt, wie sie die Uniferm-Produkte am besten verarbeiten. „Außerdem schulen wir hier unsere backtechnischen Anwendungsberater und Bäckerei-Fachverkäuferinnen, die ja den Kontakt mit den Endverbrauchern haben.“

Man denkt langfristig im Hause Moormann. „Für uns ist wichtig, dass wir das Unternehmen erfolgreich in die nächste Generation führen“, sagt Jan Moormann. Wenn er erzählt, ist zu spüren, dass er mit Begeisterung bei der Sache ist.

„Das liegt wahrscheinlich daran, dass bei uns keiner in der Familie gezwungen wurde, in die Firma einzusteigen. Bei uns in der Familie war das auch nie ein großes Thema. Mein Vater hat immer gesagt: Macht das, woran ihr Spaß habt. Und wenn es die Firma ist, dann macht es. Wenn ihr aber keinen Spaß daran habt, dann macht es nicht“, sagt Jan Moormann und sein Vater, der Arzt, der zum Firmenchef wurde, neben ihm lächelt.

Er selbst werde das bei seinen Kindern ebenso halten. Drei Kinder hat Jan Moormann. Gut möglich also, dass die Firmengeschichte der Familie Moormann auch in der zehnten Generation fortgeschrieben wird.