Redaktionsleiterin Sylvia vom Hofe liebt Veränderung
2 Minuten Lesezeit

Mitarbeiterstories

Redaktionsleiterin Sylvia vom Hofe liebt Veränderung

Dortmunder Bier. Ausgerechnet. Mit diesem Thema hatte mich Chefredakteur Harry Haffert bei meinem Bewerbungsgespräch auf dem völlig falschen Fuß erwischt – und mir zugleich etwas vermittelt, das 30 Jahre später immer noch aktuell ist.

Nein, das mit dem Konzentrationsprozess auf dem Brauereimarkt hatte ich bislang nicht sonderlich verfolgt. Und den Niedergang der europäischen Bierhauptstadt Dortmund noch gar nicht so recht registriert. Ich war 19 Jahre alt, aus Werne, hatte gerade mein Abi in der Tasche und mochte kein Bier.

An diesem Nachmittag im Sommer 1989 schien die Erfüllung meines Traums von einem Volontariat bei den Ruhr Nachrichten nur eine Unterhaltung weit entfernt zu sein: eine Unterhaltung vielleicht über meine Artikel als freie Mitarbeiterin, über Fotografie oder die Arbeit im Fotolabor. Stattdessen versuchte mich der grauhaarige Mann gegenüber in ein Gespräch über Export und Pils und die verpassten Chancen der Brauereien zu verwickeln: immerhin dem drittwichtigsten Wirtschaftszweig nach Kohle und Stahl in der Stadt, für deren größte Zeitung ich arbeiten wollte. Ob ich denn nicht davon gelesen hätte?

Keine Zeile. Was für eine unterirdisch schlechte Vorbereitung, dachte ich, schüttelte nur den Kopf und überlegte vermutlich schon, es später, wenn dieser Albtraum erst einmal vorbei wäre,  doch noch mit Bier zu probieren. Mit viel Bier. Doch da lächelte Haffert.

Nicht Bescheid zu wissen über ein Thema, sagte er, sei eine Erfahrung, die Journalisten jeden Tag machten. Das gehöre dazu. Nichts ist schlimmer, als so zu tun, als ob man alles schon vorher wüsste. Sich in neue Themen einarbeiten, die gesammelten Informationen prüfen, immer wieder nachfragen, um nicht auf Gerüchte und Fake News  hereinzufallen und schließlich ebenso kritisch wie hintergründig zu berichten   – das mache guten Journalismus aus, sage ich inzwischen selbst jungen Kolleginnen und Kollegen.  In 30 Jahren hat sich das nicht geändert. Fast alles andere schon.

Schreibmaschinen und Fernschreiber stehen längst im Museum. Die Ruhr Nachrichten sind nicht mehr nur das Beste am Morgen, sondern begleiten die Leserinnen und Leser durch den ganzen Tag, sieben Tage die Woche. Stahl und Kohle sind Geschichte. Und von noch fünf Dortmunder Großbrauereien im Wendejahr ist nur eine übriggeblieben. Der enorme Strukturwandel ist nach wie vor ein Dauerthema. Seine Auswirkungen sind aber nichts, verglichen mit dem digitalen Wandel, der unser ganzes Leben, Lernen und Arbeiten erfasst hat. Und der mir als RN-Redakteurin eine ganz neue Rolle ermöglicht.

Ich bin nicht mehr nur kritische Beobachterin, Chronistin und Kommentatorin, sondern selbst Akteurin, mitten drin. Der Wandel passiert nicht, ich gestalte ihn mit zusammen mit den Kolleginnen und Kollegen. Dass kein Arbeitstag in der Redaktion wie der andere sei, ist eine alte Binsenweisheit. Doch noch nie war sie so wahr wie heute. Denn nicht nur die Themen wechseln, sondern auch die Art, sie zu gestalten und zu veröffentlichen und zu lesen.

Harry Haffert würde staunen. Unsere Ruhr Nachrichten, bei denen ich ab Sommer 1990 tatsächlich volontierte, danach Redakteurin in Ahaus und Werne war und seit 2016 die Redaktion in Selm leite, wandeln sich so rasant, wie sich das damals niemand vorstellen konnte. Wir erfinden uns neu und bleiben uns dennoch treu, wir schaffen Zukunft und behalten dabei unsere Herkunft im Blick. Ganz nach meinem Geschmack.

Ich liebe Veränderungen. Mein Leben ist voll davon. Neue Wohnungen, neue Bewohner, mal in die Stadt, dann aufs Land, erst nur arbeiten, dann doch noch nebenbei studieren, lange mit Vorliebe in die Ferne reisen und exotische Tiere besuchen, jetzt lieber Zugvögel bestimmen und französische Schafe züchten, immer etwas anderes und dennoch oder gerade deshalb ich selbst  – mal sehen, was noch kommen wird. Vielleicht denke ich darüber heute Abend zusammen mit meinem Mann nach – bei Bob Dylons „The times they are a changin‘“ und einem Glas Wein. Denn eines wird sich wirklich nie ändern: Bier mag ich nicht.