Firmenportrait Rüschenbeck

VOM WESTENHELLWEG IN DIE WELT DER SCHÖNEN UND REICHEN

 

Es gab eine kurze Zeit vor mehr als 40 Jahren, da stand auf Messers Schneide, wie es mit dem Juwelier Rüschenbeck weitergehen würde. „Ich selbst kann mich daran kaum erinnern, aber meine Mutter hat immer erzählt: Als ich ein kleiner Junge war, noch vor der Einschulung, da habe ich nur eins werden wollen: Schlangendompteur.“ Heute ist Wilhelm Rüschenbeck 51 Jahre alt. Schlangendompteur ist er nicht geworden, sondern Goldschmied, wie sein Vater, sein Großvater und sein Urgroßvater zuvor. Wie er tragen alle den Vornamen Wilhelm. Gemeinsam mit seinem Onkel Gerhard (78) führt er in vierter Generation eines der bedeutendsten Juweliergeschäfte Europas. (Fotos und Repros: Dieter Menne)


Auch für ihn sei immer klar gewesen, erzählt Gerhard Rüschenbeck, dass er in das Unternehmen einsteigt. „Das war für mich das Selbstverständlichste der Welt.“ Seit sein Bruder Wilhelm – der dritte in der Familienreihe – 1995 starb, hält er mit seinem Neffen die Fäden am Dortmunder Westenhellweg in der Hand. Hier ist das Herz und die Zentrale des Unternehmens, das ganz in der Nähe vor 116 Jahren seinen Anfang nahm.

1904 eröffnete der erste Wilhelm Rüschenbeck in der Reinoldistraße – dort, wo heute die Kampstraße beginnt – das Juweliergeschäft „Zur Goldecke“. Schon Ende des 18. Jahrhunderts hatte Henricus Rüschenbeck den Weg zu diesem Beruf eingeschlagen. Er war ursprünglich Müller, bekam allerdings eine Staublunge und lernte stattdessen das Handwerk des Uhrmachers. „Seitdem gibt es diese Tradition in der Familie“, sagt Gerhard Rüschenbeck.

Rüschenbeck setzte früh auf Expansion

In der Firmenhistorie ist der 78-Jährige ein Ausreißer. Der Einzige, der das Unternehmen bislang führte und nicht Wilhelm heißt – weil schon sein Bruder diesen Namen trug. Sein Vater Wilhelm Rüschenbeck – also der zweite Wilhelm – übernahm das Unternehmen 1929. Er war ein guter Geschäftsmann, setzte früh auf Expansion und kaufte am Westenhellweg 45 ein Fachwerkhaus.

Dieses Haus ist bis heute der Stammsitz des Juweliers Rüschenbeck. Doch dann kam der Krieg. Wilhelm Rüschenbeck wurde einberufen, das Geschäft geschlossen. Seine Uhren vergrub er. Seine Frau Charlotte und die Kinder zogen zu Verwandten ins Sauerland, nach Sichtigvor an der Möhne. „Wir haben Dortmund von dort aus brennen sehen“, sagt Gerhard Rüschenbeck.

Das Haus am Westenhellweg wurde, wie fast alle anderen in der Innenstadt, durch Bomben zerstört. Als Wilhelm Rüschenbeck zurück nach Dortmund kam, habe er sofort mit dem Wiederaufbau begonnen, erzählt Gerhard Rüschenbeck. Sein Vater habe die Arbeiter mit Naturalien wie Schinken bezahlt statt mit Geld – denn das war nicht viel wert nach dem Krieg. Und als die erste Etage stand, habe er seine vergrabenen Uhren aus der Erde geholt und sie Tag und Nacht repariert.

Denn was die Menschen nach dem Krieg nicht hatten, sagt Gerhard Rüschenbeck, waren Uhren: „Die Kirchturmuhren waren ja alle zerstört. Mit der Währungsreform 1948 aber gab es wieder Arbeit. Und dafür brauchten die Menschen Uhren. Sie mussten ja pünktlich zur Arbeit kommen.“

Nach und nach entstanden vier weitere Etagen

Sein Vater, so erzählt es Gerhard Rüschenbeck, habe lange Tapetentische in das Geschäft gestellt, darüber eine Pferdedecke und darauf die Uhren. Es waren kleine Standuhren und Taschenuhren. „Und diese Uhren gingen reißend weg“, sagt Gerhard Rüschenbeck. Mit dem Geld finanzierte sein Vater den weiteren Wiederaufbau des Hauses. Nach und nach seien so vier weitere Etagen entstanden.

„Es war das erste komplett zerstörte Haus, das nach dem Krieg auf dem Westenhellweg wieder fertig war“, sagt Gerhard Rüschenbeck, der seit dem Tod seines Vaters 1984 das Haus mit seinem Bruder Wilhelm geführt hatte. Und nach dem Tod seines Bruders 1995 eben mit seinem Neffen bis heute führt.

Es war das Dortmund der 50er-Jahre, das ihn, der 1941 auf die Welt kam, prägte. Die Einkaufsmeile von damals ist mit der von heute kaum noch zu vergleichen. Autos, Straßenbahnen und Fußgänger teilten sich die Straße. Er erinnert sich noch an die vielen Cafés und an Restaurants wie den Wienerwald. „Das war so etwas wie die erste Systemgastronomie“, sagt Rüschenbeck.

Bald habe es am Westenhellweg eine ganze Reihe von Uhrenhändlern gegeben. Das Geschäft seiner Familie bot, wie vor dem Krieg, nicht nur Uhren, sondern auch Schmuck an. „Eigentlich war Schmuck das Letzte, was die Leute damals brauchten“, sagt Gerhard Rüschenbeck. „Aber der Mensch schmückt sich eben gerne.“

Besonders beliebt waren dünne Perlenketten, Silberschmuck und 333er-Gold. „Jeden Sonntag vor Weihnachten war das Geschäft geöffnet und die Leute standen Schlange, um das erste verdiente Geld wieder zu investieren“, erzählt er.

Qualitativ hochwertige Produkte im Fokus

Mitte der 60er-Jahre sei das Angebot bei Rüschenbeck luxuriöser geworden. Heute sei es 750er- und 900er-Gold oder Platin, das gefragt sei. „Das Unternehmen hat sich von jeher nicht nur mit dem Zweckdienlichen, sondern schon immer mit extrem qualitativ hochwertigen Produkten beschäftigt“, sagt Wilhelm Rüschenbeck und sein Onkel nickt bestätigend.

Generell habe sich das Verhältnis zu Schmuck geändert. Die Uhr in ihrer ursprünglichen Funktion habe nicht mehr den Wert wie noch vor 70 Jahren. Gerhard Rüschenbeck zeigt auf sein Handy. „Ich brauche doch nur einmal darauf zu tippen, um die Uhrzeit zu sehen“, sagt er. „Die Uhr ist heute vor allem ein Statussymbol und ein Sammlerobjekt.“

„Früher“, ergänzt Wilhelm, „galt eine Uhr, die einige Minuten Gangabweichung am Tag hatte, schon als präzise. Das ist heute natürlich anders. Heute können Sie auf mancher Uhr sogar den Mondstand in 20 Jahren ablesen.“ Bei Edelsteinen sei es ähnlich. Die seien nicht mehr vorrangig eine Geldanlage, sondern das, was sie auf den ersten Blick sind: Schmuckstücke.

Immer mehr Standorte ab den 1990er-Jahren

Noch in den 1950er-Jahren eröffnete das Unternehmen seine erste Filiale in Duisburg, etwas später eine weitere in Hagen, „das einzige Geschäft, das wir jemals geschlossen haben“, sagt Gerhard Rüschenbeck. 1971 eröffnete Münster, ab den 1990er-Jahren kamen immer mehr Standorte hinzu.

Heute hat Juwelier Rüschenbeck zwölf Geschäfte in Deutschland, unter anderem in Frankfurt, Düsseldorf, München und im österreichischen Kitzbühel. Und die Expansion geht weiter, sagt Wilhelm Rüschenbeck: „Im Jahr 2020 wird Hamburg ein neuer Standort für uns.“

Auch wenn das Online-Geschäft selbst im hochpreisigen Bereich extrem stark wachse, sei es wichtig, vor Ort präsent zu sein: „Kunden brauchen dieses touch and feel, das Vertrauen zu den Verkäufern, es muss sich eine gegenseitige Loyalität entwickeln“, sagt Wilhelm Rüschenbeck.

Es müsse für Online-Geschäfte also eine analoge Vorgeschichte geben. „Diese Menschen schauen sich im Internet um. Sie haben dann ein sehr genaues Bild davon, was sie sich anschaffen wollen. Und je luxuriöser es ist, desto genauer ist das Bild. Und wenn das jetzt so genau ist und sie sehen dann, es ist da zu kriegen und sie haben aus ihrer Erfahrung heraus die Sicherheit, dass Rüschenbeck als seriöser Anbieter dahinter steht, gibt es Kunden, die uns online erreichen und sich so viele Stunden Fahrt zu einer Filiale sparen.“

In den vergangenen Jahrzehnten hat Rüschenbeck es geschafft, ins Blickfeld der Reichen und Superreichen zu kommen. Kunden reisen selbst aus fernen Ländern an, um bei Rüschenbeck eine Rolex oder eine Patek Philippe zu kaufen, die als teuerste Uhrenmarke der Welt gilt. Beim Schmuck sei es ähnlich.

Schliffbildveränderungen bestimmen den Preis

Wilhelm Rüschenbeck erklärt, warum das so ist, an einem Beispiel: „Wenn ich drei Einkaräter auf den Tisch lege und ich schalte ideales Licht ein, gebe Ihnen die Lupe und Sie schauen sich die Steine an, dann werden Sie keinen Unterschied feststellen. Diese Steine floaten aber in einem Bereich zwischen 6000, 7000 und 20.000 Euro. Das liegt an winzigen Einschlüssen, minimalen Schliffbildveränderungen. Da reden wir vom doppelten oder dreifachen Preis. Die letzten fünf Prozent unterscheiden zwischen einem hochwertigen Produkt und einem absoluten Spitzenprodukt. Wir konzentrieren uns auf diese letzten 5 Prozent.“

In die schillernde Welt des Luxus passt das Geschäft auf dem Westenhellweg – anders als etwa das in der Düsseldorfer Königsallee – weniger. Hier heißen die Nachbarn nicht Apple, Tesla und Windsor, sondern Zara, Rossmann und Deichmann.

Trotzdem sei das Haus in Dortmund der zentrale Standort. Weil es die Keimzelle des Erfolgs ist, auch wenn man hier inzwischen weniger als fünf Prozent des Umsatzes mache, sagt Wilhelm Rüschenbeck. Hier laufen alle Fäden zusammen, hier ist die Kern, hier arbeiten die meisten der deutlich mehr als 200 Beschäftigten.

Pool an Schmuck und Uhren für die Belegschaft

Im Erdgeschoss werden die Kunden, nachdem sie zwei Sicherheitstüren passiert haben, in schweren Lederstühlen beraten – von Verkäuferinnen und Verkäufern, die teure Uhren und teuren Schmuck tragen. Wie können die sich das leisten?

Wilhelm Rüschenbeck grinst bei dieser Frage. „Natürlich wünschen wir uns von unseren Mitarbeitern, dass unsere Produkte von ihnen auch getragen werden, aber wir können natürlich nicht erwarten, dass sich jeder, der hier anfängt, einige Schmuckstücke bei den Damen, oder einige Uhren bei den Herren selber kauft. Deshalb haben wir eine Tragekollektion. Das ist ein Pool an Schmuck und Uhren, den wir zur Verfügung stellen, oft Prototypen, die wir so auch testen. Diese Produkte können Mitarbeiter – natürlich erst nach einer gewissen Betriebszugehörigkeit – während der Arbeitszeit tragen.“

Nach einer gewissen Zeit biete man diese Stücke zu besonderen Preisen als Trageschmuck an, denn was ausliege oder den Kunden vorgelegt werde, das sei definitiv neu und ungetragen.

In den Etagen über dem Verkaufsraum herrscht eine andere, nüchterne Welt. Hier sitzt nicht nur die Verwaltung mit ihren diversen Abteilungen in ganz normalen Büros. Hier befindet sich vor allem die Werkstatt, ein geordnetes Chaos, ungezählte Werkzeuge, die es für die so filigrane Arbeit braucht.

An schmalen Arbeitsplatten aus Holz hocken hoch konzentriert die Handwerker, reparieren mit ihren Händen Uhrwerke teuerster Marken und fertigen mit geschickten Bewegungen Ringe und Ketten der hauseigenen Rüschenbeck-Kollektion. In den Filialen gibt es zwar auch kleine Werkstätten, knifflige Reparaturen und aufwendige Arbeiten aber werden allein in Dortmund vorgenommen.

Rüschenbeck kauft auf der ganzen Welt ein

Die Rüschenbecks kaufen Schmuck und Uhren von den Besten ihres Fachs auf der ganzen Welt ein. Zum Angebot gehören Diamant-Ringe für 20.000 Euro, Ohrstecker für 38.000 Euro und Uhren, die eine viertel Million Euro kosten.

Wer mit solchen Werten handelt, könnte leicht die Bodenhaftung verlieren. Die Rüschenbecks erwecken nicht den Eindruck, dieser Gefahr zu erliegen. Weit mehr als 200 Mitarbeiter, trotzdem sagt Wilhelm Rüschenbeck: „Ich kenne jeden und jede von ihnen. Eine der Grundvoraussetzungen, dass wir jemanden einstellen, ist, dass das Herz und die Leidenschaft für diese edlen Dinge spürbar sein muss.“

Da komme dann am Ende deutlich bessere Qualität und mehr Profit heraus, sagt er und: „Wenn jemand mit Passion hinter dem steht, was er tut, dann muss man ihm auch – natürlich in einem bestimmten Rahmen – einen gewissen Freiraum geben.“ Freiraum, in dem neue Ideen reifen können – Ideen, die die nächsten 116 Jahre der Geschichte des Hauses Rüschenbeck sichern.