Firmenportrait Petit & Edelbrock

WO GLOCKEN GEGOSSEN WERDEN WIE ZU GOETHES ZEITEN

 

Es ist ein aus der Zeit gefallener Ort. Als wäre das Leben in diesem eingeschossigen, verschachtelten Ziegelgebäude im Jahr 1900 erstarrt. Einige der neugotischen, spitz zulaufenden Fenster an der Giebelseite sind zugemauert. Durch das von langen Jahren teils rissige, staubbezogene, teils blind gewordene Glasband des schrägen Dachs fällt diffuses Licht auf die von Ruß und Staub geschwärzten Ziegelwände. (Fotos: Anneke Dunkhase, Repros: Petit & Edelbrock)

 

Putz ist an vielen Stellen in großen Flecken abgeplatzt. Sand knirscht unter den Füßen. Dunkle Türen aus schweren, ausgefransten Holzbohlen mit langen Metall-Beschlägen spalten die Werkstatt in verschiedene Bereiche.

Werkbänke aus ausgebleichtem Holz. Steintröge, Schubkarren, eine Palette mit Holzkohle-Säcken, Lehmhaufen, kleine Hügel roter Ziegelsteine. Harken und lange Stangen mit stählernen Ringen unterschiedlicher Größen, teils an den Enden, teils in der Mitte. Altertümliche Maschinen, angetrieben durch breite Riemen. Ein Wimmelbild der Handwerksgeschichte.

Staub verdeckt einige Buchstaben der Sütterlinschrift auf dem auf Holz gemalten Spruchband, das an der Decke hängt. Wer hierher kommt, kann den Vers leicht ergänzen: „Festgemauert in der Erden steht die Form aus Lehm gebrannt.“ So beginnt Friedrich Schiller 1799 sein „Lied von der Glocke“.

Die Beschreibung ist hier im münsterländischen Gescher bis heute gültig. Die Glockengießerei Petit & Edelbrock wirkt zwar wie ein Museum, ist aber keines. Hier fließt bis heute geschmolzene Bronze in die aus Lehm gebrannte Form.

„Wenn man einen Glockengießergesellen, der vor 150 Jahren gestorben ist, ausbuddeln und wiederbeleben würde, könnte der mir hier in der Werkstatt noch heute eine Glocke machen“, sagt Dirk Hüttemann (39). Seit August 2018 führt er die Geschäfte der Glockengießerei, hinter der schwere Jahre liegen.

Zunächst musste 2010 eine Insolvenz überwunden werden, dann starb im August 2019 Hans-Göran Hüesker mit 59 Jahren. Er war Glockengießer, hatte auch eine Zeit lang die Geschäfte geführt, sich in den letzten Jahren auf das Handwerkliche konzentriert. Seine Frau Ellen Hüesker (56) aber arbeitet weiter in dem Familienbetrieb mit 28 Angestellten. Sie ist Ingenieurin für Metallurgie und Werkstoffkunde, kümmert sich um die Technik und den Vertrieb.

Einfach sind die Zeiten auch heute nicht. Wer braucht noch Glocken? Kirchen werden eher geschlossen als neu gebaut. Keine Kirchen, keine Türme, keine Glocken. Welche Zukunft hat da eine Glockengießerei?

Glocken werden so alt wie gute Bäume

„Das Geschäft hat auf jeden Fall in der Tonnage nachgelassen, es gibt nicht mehr viele neue Geläute“, sagt Ellen Hüesker. Trotzdem sei noch was zu tun: „Mittlerweile weiß man: Auch Glocken leben nicht ewig. Sie werden zwar deutlich älter als wir. Sie erreichen eher ein Lebensalter von guten Bäumen, also von Buchen, Eichen. Die können auch 400 Jahre alt werden. Dann aber kriegen auch sie Runzeln und Falten – wie wir, aber eher innerlich.“

Da helfe dann auch kein „Lifting“ mehr, sagt Ellen Hüesker: „Da kann man nur machen, was man mit alten Dingen tut: Man schont sie und läutet sie nur noch zu ganz besonderen Anlässen.“ Das aber sei eine Chance für Petit & Edelbrock: „Viele Gemeinden möchten dann doch ein musikalisches Pendant zur alten Glocke haben, damit das Geläute wieder vollständig ist.“

Außerdem müsse man, ergänzt Dirk Hüttemann, bedenken, dass es nur noch wenige Glockengießereien in Deutschland gebe: „Über 20 waren es nach dem Krieg, heute sind es nur noch eine Handvoll.“ Es gehe darum, Marktanteile zu sichern. Und überhaupt sei das Gießen neuer Glocken nicht mehr das Hauptgeschäft, sagt Ellen Hüesker: „Wir sind nicht nur auf den Glockenguss angewiesen. Wir machen ja auch Projektarbeiten rund um den Kirchturm. Das ist umsatztechnisch ganz sicher eines unserer Kerngeschäfte. Die Wartung und Reparatur von allem im Kirchturm, was nicht gemauert ist, also Dienstleistung.“

Petit & Edelbrock baut und repariert Glockenstühle, saniert Turmuhren und Schallläden. Dabei ist vor allem die Zimmerei gefragt, in der sich Bretter, Bohlen und Balken türmen und selbst kleine Abfallstücke sorgsam aufbewahrt werden – nichts wird weggeworfen, was vielleicht noch gebraucht werden könnte.

Eine Bandsäge von 1900 ist immer noch in Betrieb

An der Seite steht eine mehr als mannshohe, in mattem Grün lackierte Bandsäge, das Antriebsrad groß wie ein Autoreifen. Die hat der damalige Firmenchef Carl Edelbrock von der Weltausstellung 1900 in Paris mitgebracht. Anders als der Eiffelturm, der aus demselben Jahr stammt, ist die Säge jedoch kein Museumsstück, sondern noch immer in Betrieb. „Mein bestes Stück“, ruft der Zimmerer, als er von seiner Arbeit aufblickt.

In einer Gießerei wird jedoch nicht nur gezimmert, sondern vor allem gegossen. Für kleinere Arbeiten reichen die beiden Tiegelöfen, die mehrfach in der Woche angefeuert werden. Hier werden im Kunstguss-Bereich Skulpturen, Figuren, Grab- und Gedenkplatten, Teile für den Altar oder das Ambo einer Kirche und vieles mehr gegossen.

Die Herzkammer der denkmalgeschützten Werkstätte ist jedoch der große Brennofen, in dem bei Temperaturen von mehr als 1000 Grad Metall zum Schmelzen gebracht wird. Ein altertümliches Ungetüm, eingebaut in rissiges Ziegelmauerwerk. Rechts und links strecken sich zwei gemauerte Schornsteine durch das Dach. Davor, zwei, drei Meter tiefer, erstreckt sich eine Grube mit einem Boden aus festgestampfter Erde, groß wie eine geräumige Doppelgarage.

 

Ein junger Mann baut hier gerade die Ziegel einer gebrauchten Gussform ab, kratzt mit einer Kelle den Lehm ab, wirft sie in eine Schubkarre und lädt sie auf einem Haufen am Rande der Grube wieder ab. Hier warten sie auf ihren nächsten Einsatz. Die Ziegel werden so lange wiederverwendet, bis sie zerbröseln. Dann gibt es Nachschub aus der Nachbarschaft, denn: Gescher hat noch eine Ziegelei.

Regionaler geht es nicht, auch der Lehm stammt aus einer Grube im Ort und das Stroh, das in der Gießerei kleingehäckselt und dann mit Lehm vermischt wird, sowieso. Es ist alles wie immer, seit sich die Vorfahren irgendwann Anfang des 18. Jahrhunderts in Gescher niederließen. Zuvor waren die Petits seit der Zeit kurz nach dem Ende des 30-jährigen Krieges als Wanderarbeiter unterwegs gewesen. Sie hatten die Glocken da gegossen, wo sie gebraucht wurden. Sie vermieden damit lange Transportwege für die schweren Glocken.

Wenn in der Grube die Aufräumarbeiten erledigt sind, können hier die Formen für die nächsten Glocken vorbereitet werden. Platz ist hier – je nach Größe – für bis zu 20 Glockenformen. Wenn alle Vorarbeiten abgeschlossen sind, werden die Zwischenräume bis oben mit Erde verfüllt und von Arbeitern festgestampft – mit hölzernen Stampfern, ratternde Rüttelplatten könnten die Formen beschädigen.

Glocken aus Gescher läuten auf der ganzen Welt

Und dann wird gegossen. „Das passiert im Schnitt einmal im Jahr, wenn’s hoch kommt, zweimal“, sagt Ellen Hüesker. Der Markt ist halt kleiner geworden. Das stimmt und stimmt doch nicht, denn: Die Zahl neuer Glocken ist zwar gesunken, der Markt allerdings ist zumindest räumlich gewachsen. Glocken aus Gescher läuten auch in Namibia, Estland, Tromsö, Johannesburg, Seattle, Kongo, Uganda, Sao Paulo, Santiago de Chile, Chicago, Lima, Tokio, Indien, China und vielen anderen Orten auf der Welt.

Und manchmal gibt es auch einen ganz ungewöhnlichen Auftrag, wie den vom irischen Sänger Michael Patrick Kelly. 2018, zum 100. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs, gab er in Gescher eine besondere Glocke in Auftrag – eine „Peace Bell“, eine Friedensglocke.

Weil in den Weltkriegen mehr als 100.000 Glocken eingeschmolzen und für die Waffenproduktion verwendet wurden, drehte er die Geschichte um: Alte Waffen, die unter anderem in der Schlacht von Verdun eingesetzt worden waren, wurden eingeschmolzen und daraus entstand eine neue Glocke. Sie erinnert an das biblische Verheißungswort „Schwerter zu Pflugscharen“. Auf seiner jüngsten Konzerttournee läutete sie jeweils eine Friedensminute ein.

 

Das sind Aufträge, die Dirk Hüttemann besondere Freude bereiten. Ansonsten könnte man sich schon fragen, was einen Industriemeister, der Betriebswirtschaft und Wirtschaftspsychologie studiert hat, der erfolgreich in einem hochmodernen Gießereibetrieb als weltweiter Zulieferer für die Automobilbranche gearbeitet hat, nach Gescher verschlagen hat.

Bei Petit & Edelbrock ist nichts standardisiert

In einen Betrieb, der einem Museum gleicht: „In der Branche, aus der ich komme“, sagt Hüttemann, „geht der Trend zur Standardisierung. Mitarbeiter werden standardisiert, Prozesse werden standardisiert. In einem solchen Großbetrieb ist man heute fast nur eine Nummer. Da habe mich gefragt: Ist das dein Ding?“ Die Antwort war klar. „Hier ist nichts standardisiert, jede Glocke ist anders, jeder Auftrag ist neu. Es wird nie langweilig.“

Dass auch Ellen Hüesker mit Begeisterung dabei ist, lässt sich an ihren Augen ablesen, als sie durch die Werkstatt geht und der fragende Blick des Besuchers auf ein Regal fällt. Hier reihen sich hölzerne Eimer aus einer anderen Zeit aneinander. „Die benutzen wir aber nicht mehr“, sagt Ellen Hüesker, „wir nutzen diese“. Sie deutet auf einen Betonbottich an der Wand, auf dem fünf, sechs Zinkeimer in Reih und Glied stehen. Plastik würde hier auch so gar nicht passen.

Petit, Edelbrock und Hüesker – drei Namen und doch eine Familie. „Weil nicht immer alle Vorfahren männliche Nachfahren hatten, hat der Name halt mehrfach gewechselt“, sagt Ellen Hüesker. Man müsse immer darauf achten, dass ein Nachfolger auch wirklich diese Aufgabe aus vollem Herzen übernehmen will. „Jemanden drücken und quetschen, das macht keinen Sinn. Das Wichtigste ist ja bei aller Familientradition: Man soll nicht die Asche weitergeben, sondern das Feuer.“