Im schwierigsten Stadtteil muss die beste Schule sein.

Interview mit Armin Laschet

Die Lensing Media-Volontäre Nina Bargel und Julian Reimann sprachen mit Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) im Institut für Roboterforschung an der Technischen Universität Dortmund. (Fotos: Dieter Menne)

Herr Ministerpräsident, wir sitzen hier auf dem Roboter-Fußballfeld der TU. Sie kommen aus Aachen. Borussia Dortmund, Alemannia Aachen – da haben wir die Fußball-Farben schon mal gemeinsam…
Stimmt, und schwarz-gelb sind auch die Stadtfarben von Aachen.

Und was wir noch gemeinsam haben: Sie haben auch mal ein Volontariat absolviert, richtig?
Ja, richtig, nach einer journalistischen Ausbildung habe ich als Journalist für Radio und Fernsehen gearbeitet.

Sie wissen, wie es ist, als Journalist zu arbeiten. Jetzt sitzen Sie hier als Politiker mit uns am Tisch. Auf welcher Seite des Tisches sitzt es sich denn besser?
Es war damals mein großer Wunsch, journalistisch zu arbeiten, und das habe ich auch sehr gerne gemacht. Ich war aber auch immer sehr politisch interessiert und ehrenamtlich engagiert. Irgendwann musste man sich entscheiden: Man kann nicht hauptberuflich als Journalist und als Politiker arbeiten.

Ich habe mich für die Politik entschieden und das nie bereut. Der Journalismus hat sich in den letzten 20 Jahren enorm gewandelt, auch wenn die Grundsubstanz noch immer gleich ist: Zu berichten über das, was passiert, ist meiner Meinung nach immer noch ein sehr spannender Beruf. Und wichtig für unsere Demokratie.

Da stimme ich Ihnen auf jeden Fall zu, sonst würden wir hier nicht sitzen. Wir bekommen oft gesagt, dass wir uns einen aussterbenden Beruf ausgesucht haben. Glauben Sie das auch? Sind klassische Zeitungen in Zukunft sogar ersetzbar?
Das glaube ich nicht, im Gegenteil. Zwei meiner Kinder studieren auch Journalismus. Journalismus ist kein aussterbender Beruf, er verändert sich nur. Gerade in einer Zeit, in der sich jeder Einzelne über soziale Medien äußern und seine Botschaften verbreiten kann, braucht es die objektive Bewertung und Einordnung durch professionelle Journalisten.

Nicht jeder Tweet und Kommentar bei Twitter ist Journalismus. Was Journalismus leisten muss, ist, aus der Flut an Informationen die relevanten herauszuarbeiten und dem Leser, der Vertrauen zu seinem Medium hat, objektive, sachliche Berichterstattung zu liefern. Diese Leistung werden aus meiner Sicht – neben anderen – auch in Zukunft die Zeitungshäuser erbringen, in gedruckter wie digitaler Form.

 

Haben Sie die Ruhr Nachrichten schon mal gelesen?
Ja klar. Die Ruhr Nachrichten gehören wie viele andere Medien in Nordrhein-Westfalen und darüber hinaus zu meiner regelmäßigen Lektüre. Ich informiere mich natürlich täglich in den unterschiedlichen Medien, was vor Ort los ist, welche Themen relevant sind. Ich kann meist nur eine Auswahl an Artikeln lesen, nicht jede Zeitung von vorne bis hinten.

Haben Sie zu Hause auch eine klassische Printzeitung abonniert?
Wir haben zu Hause die Aachener Zeitung als Printausgabe. Daneben gibt es die Aachener Nachrichten mit teilweise identischen, aber auch anderen Inhalten, die lese ich auf dem Tablet. Darauf lese ich insgesamt etwa zehn Zeitungen aus Nordrhein-Westfalen.

Darüber hinaus erhalte ich als Mitglied der Landesregierung eine tägliche Medienschau mit den relevanten Berichten und Themen des Tages. Der besondere Reiz von Zeitungen liegt für mich darin, dass man auf Sachen stößt, die man nicht sucht.

Weil eine Nachrichtenvorauswahl getroffen wird?
Genau. Hier ist jetzt so eine Seite (schlägt die Ausgabe der Ruhr Nachrichten auf, Anm. d. Red.) mit einem Thema, das ich von mir aus nicht gegoogelt hätte: „Hilft Methadon gegen Tumore“? Danach müsste man im Netz ganz gezielt suchen. In der Ausgabe hier wird das Thema dem Leser aufbereitet und ansprechend präsentiert, auf den Frühstückstisch gelegt, sozusagen. Ich finde das Thema sehr interessant und lese es.

Zeitungen haben eine lange Tradition. Bergbau und Stahlindustrie haben hier im Ruhrgebiet ebenfalls eine lange Tradition, die aber jetzt langsam endet oder schwindet. Wie schwer ist es unter den Gesichtspunkten des Strukturwandels und der Tradition hier im Ruhrgebiet, den Weg zur Klimaneutralität in NRW zu schaffen?
Das Ruhrgebiet war immer im Wandel, unterlag immer wieder strukturellen Veränderungen. Ende des 19. Jahrhunderts waren viele der heutigen Großstädte kleine Dörfer. Dann gab es im Zuge der Industrialisierung, dem Motor der Wirtschaft in Deutschland, in ganz kurzer Zeit riesiges Wachstum in der Region. In den 1950er-Jahren gab es 500.000 Bergleute im Ruhrgebiet, null Studenten. Null.

Heute ist der Steinkohlebergbau beendet, dafür haben wir über 250.000 Studierende. Das zeigt schon, wie sich das Ruhrgebiet wandeln und neu erfinden kann, eine echte Chancenregion. Diesen bereits erfolgreichen Wandel wollen wir weiter vorantreiben und gemeinsam mit den Menschen vor Ort gestalten.

Die Landesregierung hat daher unter anderem die weitere Umsetzung der Ruhr-Konferenz im November auf den Weg gebracht: 74 Projekte in allen Bereichen, von Verkehr über Start-ups, Bildung und Umweltschutz, sollen neue Impulse für die Entwicklung eines innovativen, lebenswerten und erfolgreichen Ruhrgebiets bringen. Dabei will die Region auch Vorreiter in Sachen Digitalisierung, Energiewende, Klimaschutz und beim Thema Klimaneutralität sein.

Für ein Industrieland ist das eine riesige Aufgabe.
Ja, und auch eine Aufgabe, die sich nicht in einer Legislaturperiode abschließen lässt. Strukturwandel ist ein langfristiger Prozess. Ein Land, das keine oder wenig Industrie hat, kann sicher schnell geringere Kohlendioxid-Werte liefern.

An einem Standort wie hier im Ruhrgebiet mit Stahlindustrie, Chemie- und Aluminiumindustrie, Branchen, die alle relativ viel Energie benötigen, geht es darum, den starken Wirtschaftsstandort mit erfolgreichem Klimaschutz zu verbinden. Uns als Landesregierung ist es wichtig, zentrale Industrien wie die Stahlindustrie und die Arbeitsplätze hier zu halten. Auch das ist ein Beitrag zum Weltklima.

Inwiefern?
Keinem ist geholfen, wenn die energieintensiven Unternehmen aus Deutschland und Europa verschwinden und dort produzieren, wo der Klimaschutz nicht so ernst genommen wird. Und wir forschen intensiv an grünem Stahl.

Thyssen-Krupp hat im November in Duisburg einen Test gestartet und statt Kohle Wasserstoff in einen laufenden Hochofen geblasen. Ziel ist es, rund 20 Prozent des anfallenden CO2 zu reduzieren – wenn uns das gelingt, dann ist das ein Riesen-Schub. Es gilt, beim Klimaschutz Stück für Stück den nächsten Schritt zu gehen, auch durch den Ausstieg aus der Braunkohle.

 

Energieerzeugung ist ein großes Thema. Wenn man auf regenerative Energien setzt, gibt es aber auch Kritik, etwa an Windrädern…
Das ist so, hier müssen wir sehr unterschiedliche Perspektiven verbinden und zusammenbringen. Einig sind sich alle, dass wir das Zeitalter der regenerativen Energien brauchen. Die Menschen in den Städten fordern mehr Windenergie. Diese wird aber im Zweifel nicht mit Windrädern in den Städten produziert. Die Windräder stehen meist auf dem Land, und da fragen die Anwohner: „Wieso tragen wir eigentlich die gesamte Last? Ihr redet in den Großstädten über Windenergie und stellt die Windräder hier hin.“

Deshalb müssen wir beide, die Belange von Stadt und Land, miteinander versöhnen. Man kann Windräder nicht mitten in die Stadt stellen. Aber man muss auch Abstände zur Wohnbebauung haben, die verträglich sind. Auch darum wird jetzt gerungen – der Bund hat im Klimaschutzpaket festgelegt, dass 1000 Meter ein angemessener Abstand wären.

Die Fridays-for-Future-Bewegung fordert energisch Klimaschutz ein. Gerade die Jüngeren gehen auf die Straße. Sehen Sie da auch einen Generationenkonflikt?
Nein, ich bestreite einen solch pauschalen Konflikt sogar. Es gibt viele junge Menschen, die auf die Straße gehen und sich für mehr Klimaschutz engagieren, das stimmt. Und dieses Engagement ist toll und wichtig.

Aber es gibt auch eine ebenso große Gruppe von jungen Menschen in Deutschland, die das nicht die Bohne interessiert und Autos schick findet. Und es gibt auf der anderen Seite auch sehr viele ältere Menschen, die über Klimaschutz und Nachhaltigkeit nachdenken, sich dafür engagieren.

Also hat das mit den Generationen überhaupt nichts zu tun?
Klimaschutz ist für viele Menschen aller Altersgruppen wichtig. Politiker, die jetzt in der Verantwortung stehen, wissen sehr genau, wie wichtig das Thema für die Zukunft von uns allen ist und arbeiten entsprechend daran. Und gerade unter den Wissenschaftlern sind viele Ältere, die seit 30 Jahren zu den Themen forschen, Veränderungen anmahnen und sich auch jetzt öffentlich artikulieren.

Ich glaube, es ist eine Frage, die die Gesellschaft teilt, die im Osten teilweise anders diskutiert und betrachtet wird als im Westen. Bei den jüngsten Landtagswahlen in Ostdeutschland haben wir gesehen, dass vielen Menschendort andere Themen wichtiger waren als Klimaschutz. Aber es ist keine Generationenfrage.

Wie hätten Sie reagiert, wenn Ihre Kinder gesagt hätten, wir wollen jeden Freitag auf die Schule verzichten und lieber fürs Klima demonstrieren?
Grundsätzlich finde ich gesellschaftliches Engagement wichtig und richtig. Ob dies während oder auch außerhalb der Schulzeit stattfinden muss und kann, hätten wir sicher diskutiert. Meine Kinder sind aber schon etwas älter und studieren.

 

Sie können als Ministerpräsident an den Gesetzen deutlich stärker mitwirken als andere Bürger. Wie schwierig ist es, zwischen moralischen Fragen des Klimaschutzes und der Wirtschaftlichkeit des Landes zu entscheiden?
Ich halte beides für moralische Fragen, die man aber auch nicht gegeneinander ausspielen, sondern miteinander versöhnen sollte. Dafür zu sorgen, dass Menschen gute Arbeit haben, ihre Familie ernähren können, wir keine Massenarbeitslosigkeit haben – das ist auch moralisch.

Und die schwierige Frage ist dann: Wie verbindet man den Einsatz für Industriearbeitsplätze mit Nachhaltigkeitszielen und erst recht mit Klimaschutzzielen? Das ist der Kern von Politik, zwischen unterschiedlichen Interessen abzuwägen und zu vermitteln.

Sie hatten eben die Digitalisierung angesprochen. Ist es in NRW besonders schwierig, sie voranzutreiben?
In Nordrhein-Westfalen sehe ich sogar eine besonders große Chance. Wir sind eines der wenigen Länder, das ein echtes Digitalministerium geschaffen hat, in dem alle Kompetenzen aus der gesamten Landesregierung gebündelt werden. Wir wollen in Nordrhein-Westfalen vorangehen. Dass das funktioniert, zeigt etwa die steigende Zahl der Start-ups bei uns.

Am Anfang dachte jeder, der hip sein wollte, er müsse in Berlin mit seinem Start-up sein. Jetzt realisieren viele Gründerinnen und Gründer, dass Berlin zwar schön ist, aber dort keine Industrie vor Ort ist, die Absatzmarkt und Abnehmer ist für neue innovative Ideen.

Wenn du als Start-up an der Digitalisierung der Industrie mitwirken willst, ist es standorttechnisch besser und sinnvoller, an der Industrie vor Ort im Ruhrgebiet dran zu sein. Und das Ruhrgebiet hat so viele kreative, attraktive Orte: Theater, Konzertsäle, Museen, Industriedenkmäler. Da sind wir genauso gut aufgestellt wie Berlin.

Zu einem anderen Thema: Etwa ein Viertel der Bevölkerung des Landes hat einen Migrationshintergrund und es gibt einen stetigen Zuwachs an Menschen mit Migrationshintergrund. Sehen Sie das als Chance oder eher als Hürde, weil die damit verknüpften Integrationsaufgaben den Wandel auch bremsen können?
Wir haben in der Tat inzwischen mehr als 25 Prozent Bürger mit Zuwanderungsgeschichte. Bei den Kindern sind es in größeren Städten teilweise sogar fast 50 Prozent. Vielfalt ist ein Teil der Identität des Landes Nordrhein-Westfalen, wir haben immer Zuwanderung gehabt und erlebt. Das Zusammenleben unterschiedlicher Menschen und Kulturen, die Zuwanderung, bringt auch manche soziale Herausforderung mit sich, etwa bei mangelnden Sprachkenntnissen.

Wir wollen und müssen jedoch Kindern unabhängig von ihrer Herkunft den Aufstieg durch Bildung ermöglichen. Aufstieg durch Bildung und Leistung muss eine Perspektive für alle Kinder sein. Es ist heute auch ein Vorteil, viele Sichtweisen, viele Kulturen, viele unterschiedliche Menschen in unserem Land zu haben.

Das erkennen auch Unternehmen: Facebook beispielsweise hat entschieden, etwa für die Mitarbeiter für die Löschung bestimmter Inhalte unterschiedliche Standorte in Deutschland zu schaffen, einen davon mit über 1000 Arbeitsplätzen in Essen. Facebook hat sich für das Ruhrgebiet als Standort entschieden, weil dort junge, entsprechend ausgebildete und versierte Kräfte sind, die mehrere Sprachen sprechen, die interkulturelle Erfahrungen haben. Das kann also auch wirtschaftlich ein echter Vorteil sein.

 

Sie haben es gerade schon angesprochen, dass es ein Ziel ist, Kindern einen akademischen Weg zu ermöglichen, egal aus welchen Bildungsschichten sie kommen. Sie selbst haben das in ihrer Familie auch erlebt, Ihr Vater war Bergmann, ist dann Lehrer geworden. Sie konnten studieren. Allerdings zeigen die Zahlen, dass es immer noch so ist, dass viele Kinder aus Nicht- Akademiker-Familien eben nicht studieren. Warum funktioniert das noch nicht so richtig?


Die Analyse der Zahlen stimmt. Das muss ein Ziel der Bildungspolitik sein, dass ein Aufstieg gelingt, unabhängig von der Herkunft der Eltern. Wir schaffen dafür die bestmöglichen Grundlagen. Solche Veränderungen sind längere Prozesse, bei denen sich die in Zahlen messbaren Resultate erst später zeigen.

Wir haben deshalb zum Beispiel mit den sogenannten Talentschulen begonnen, zwei Drittel dieser Schulen sind im Ruhrgebiet. Das ist ein Anfang, das muss sich noch verbreiten. Die Idee dahinter: Im schwierigsten Stadtteil muss die beste Schule sein, mit einem modern ausgestatteten Schulgebäude, vor allem aber mit der besten Schüler-Lehrer-Relation und der besten digitalen Ausstattung.

Das ist aber oft genau umgekehrt.
Genau deshalb arbeiten wir daran. Da, wo Eltern Geld in Fördervereine geben können, da haben die Schulen oft die besten Ausstattungen. Und da, wo die Eltern das nicht können, ist die Ausstattung schlechter. Mit den Talentschulen packen wir das Problem an.

Die Lösung ist also, mehr Geld in diese Schulen zu investieren?
Wir brauchen mehr Investitionen entlang der ganzen Bildungskette. Das fängt bei mehr Geld für die frühkindliche Bildung an. Der Kindergarten ist der erste Ort, an dem Bildung beginnt, deshalb haben wir hier in den letzten zwei Jahren massiv investiert, sogar mehr als in den Schulen.

Wir brauchen zum Beispiel Ganztagsangebote für Kinder, deren Eltern es sich nicht leisten können, sie nachmittags anders zu betreuen. Das Ziel individueller Förderung muss im Bildungssystem verankert sein.

Gehen wir eine Stufe weiter, zu den Unis: Wie kann man die denn in NRW attraktiver gestalten, sodass die Studenten lieber in Dortmund als in Berlin studieren?
Nordrhein-Westfalen und seine Universitäten sind attraktiv, die Studierendenzahlen steigen. Für das aktuelle Wintersemester sind es über 773.000 Studierende, so viele wie noch nie. Die Universitäten Dortmund, Bochum, Duisburg- Essen, aber auch andere im Land wie Aachen, Bonn, Köln, Münster und Bielefeld – die sind attraktiv und haben Jahr für Jahr Zuwachs.

Und wie sieht es bei den klassischen Ausbildungsberufen aus? Da herrscht ein Mangel.
Lange Zeit war ein gesellschaftliches Bild: Gut sei nur, wer studiert. Und wenn ein Land eine hohe Akademikerquote hat, sei das gut. Die OECD hat in ihrem Bildungsmonitoring nur gezählt, wie viele Studierende es in einem Land gibt. Bei dieser Rechnung kommt für Deutschland aber ein schiefes Bild heraus. Unsere duale Ausbildung ist das zweite Standbein der Bildung und gleichwertig.

Ein Beispiel: Die Studierenden haben ein Semesterticket, mit dem sie durch das ganze Land fahren können. Wir haben deshalb das Azubiticket eingeführt, um einfach anzuerkennen, dass die Bildungsgänge gleichwertig sind.

 

Also ist das Problem auf jeden Fall da?
Wir haben in einigen Berufen und Branchen zu wenig Auszubildende, ja. Die Kammern engagieren sich hier sehr, und wir als Politik versuchen, die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, damit mehr junge Menschen eine Ausbildung beginnen.

Aber es geht auch um eine gesellschaftliche Anerkennung von Ausbildungsberufen und um den finanziellen Aspekt. Es ist vielen jungen Menschen in der Berufsorientierungsphase gar nicht bewusst, dass ein Meister mit einem gut laufenden Betrieb im Zweifel am Ende mehr verdient als der Akademiker.

Aber es ist nicht jeder Meister. Was ist denn mit Gesellen oder generell Azubis? Die verdienen ja teilweise schon schlecht.
Ja, bei vielen Auszubildenden ist der Verdienst noch gering, da steht die Ausbildung im Vordergrund. Es gibt Berufe, da bezahlen die Azubis sogar noch Gebühren für ihre Ausbildung. Das versuchen wir gerade zu verbessern.

Das ist fast absurd: Der Arzt kommt praktisch kostenfrei durch sein Studium, wir haben ja keine Studiengebühren. Und Pflegeschüler zahlen für ihre Ausbildung selbst einen Beitrag. Gerade bei den Berufen, die schlechter entlohnt werden, muss die Ausbildung kostenlos sein. Facharbeiter mit einer guten Ausbildung holen aber bei den Verdiensten wiederum auf. Und nicht jeder Akademiker verdient gut.

Sie haben gesagt, dass das Ruhrgebiet das Zeug zur Zukunftsregion hat. Wir stehen am Anfang unseres Berufslebens. Was hat uns das Ruhrgebiet zu bieten?
Die Frage ist, was für einen Arbeitsplatz er sucht. Das Ruhrgebiet hat eine Menge interessanter Arbeitsplätze, auch große international aufgestellte Unternehmen zu bieten, es ist eine dynamische Region, die an der Spitze der bundesdeutschen Entwicklungen steht und viele kluge und innovative Köpfe anzieht. Und es ist außerdem – das haben die wenigsten im Blick – eine grüne, sehr lebenswerte Region.

Dortmund beispielsweise bietet rund um den Phoenix- See und hinein ins Sauerland im Süden der Stadt viele Freizeitmöglichkeiten. Dazu kommt das riesige kulturelle Angebot in der Region mit vielen Museen und Theatern. Die Region Ruhr und ihre Angebote enden nicht an einzelnen Stadtgrenzen.

Beispielsweise entsteht in Bochum das Max-Planck-Institut für Cybersicherheit – das ist von der TU Dortmund gerade einmal 15 Kilometer entfernt. Man muss das gesamte Ruhrgebiet als Metropolregion, wie eine große Stadt, begreifen. Und dann ist vieles sehr nah. Wenn Sie sich in Berlin bewegen, haben Sie mitunter größere Entfernungen zu überwinden als zwischen mehreren Städten im Ruhrgebiet.

Sie nennen die positiven Faktoren des Ruhrgebiets – die Arbeitslosenzahlen sind aber natürlich im Ruhrgebiet größer als in anderen Städten…
Daran arbeiten wir und es wird besser. Die durchschnittliche Arbeitslosenquote im Ruhrgebiet liegt inzwischen bei unter zehn Prozent. Das ist neu, sie war über 40 Jahre lang immer höher. Aber die Arbeitslosenquote liegt immer noch über dem Landes- und über dem Bundesschnitt. Wir brauchen im Ruhrgebiet mehr Gründungen, durch die neue Arbeitsplätze entstehen.

In der Aachener Region etwa, die auch vom Bergbau geprägt war, ist die RWTH Aachen entstanden, eine Exzellenzuni. Einer ihrer Professoren hat den Streetscooter der Post entwickelt. Die deutsche Autoindustrie war nicht in der Lage, die Idee aufzugreifen. Deshalb hat er selbst eine Fabrik gegründet, die 2000 Arbeitsplätze für die Produktion des Streetscooters in Aachen bietet. Und inzwischen gibt es eine zweite Fabrik in Düren.

Über 250.000 Studierende im Ruhrgebiet sind ein riesiges Potenzial. Das wissen auch mehr und mehr Firmen, die sich hier ansiedeln, weil sie gut ausgebildete Leute brauchen. Das muss der Weg sein, den wir mit der Umsetzung der Ruhr- Konferenz unterstützen wollen.

 

Um auf unser Jubiläums-Motto „Freiheit durch Wissen“ zurückzukommen: Heutzutage versuchen viele Menschen, ihr Wissen über Soziale Medien oder generell über das Internet zu generieren. Bedeuten die Sozialen Medien weniger oder mehr Freiheit für die Bürgerinnen und Bürger?
Sie bedeuten mehr Freiheit. Soziale Medien bieten jedem Einzelnen vielfältige Möglichkeiten, sich zu informieren und sich in Diskussionen einzubringen. Diese Freiheit bringt auch neue Herausforderungen mit sich. Denn andererseits erleben wir im Netz leider auch viel Hass und Aggression.

Nutzer mit anonymen Accounts beschimpfen andere Menschen. Früher wurde am Stammtisch geschimpft, jetzt schimpfen sie im Netz. Soziale Medien und ihre Algorithmen führen auch dazu, dass sich manche Nutzer nur noch in ihren Filterblasen bewegen und informieren. Das sind Nachteile, die Gefahren bergen. Nicht alles lässt sich in unserer freiheitlichen Gesellschaft abschließend regeln.

Soziale Medien bedeuten ein Mehr an Freiheit und ein Mehr an Informationen. Gerade deshalb brauchen wir mehr denn je die Einordnung von Informationen, und das ist die klassische Aufgabe von Journalismus – und nicht von Tweets.

Neben den ganzen seriösen Nachrichten verstecken sich auch viele Nachrichten, die von irgendwelchen ominösen Plattformen kommen…
Deshalb müssen wir – schon in den Schulen beginnend – die Kompetenz der Menschen fördern, auch mit diesen Medien und Informationen umzugehen. Sie müssen lernen zu erkennen und zu filtern, was zum Beispiel von einem bezahlten Interessenverband als Information eingestellt ist und was wirklich unabhängiger Journalismus ist.

Je unabhängiger und objektiver der Journalismus ist, und je weniger Journalisten selbst zu Aktivisten werden, desto besser für die Einordnung. Hanns Joachim Friedrichs, der große Moderator, hat einmal gesagt, man solle sich mit keiner Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten. Das Prinzip muss auch heute gelten, auch wenn es heute bei manchen nicht mehr Konsens zu sein scheint.

 

Es gibt aber immer mehr Menschen, die sich nur noch über die Sozialen Netzwerke informieren. Viele User lesen nur noch die Überschrift. Algorithmen spielen einem gezielt Nachrichten zu, die einem gefallen. Was macht das mit unserer Demokratie, wenn Menschen nur noch einseitig informiert sind?
In der Tat gibt es die Tendenz, nur noch die Schlagzeilen zu überfliegen. Dass Schlagzeilen auch reißerisch sind, um Aufmerksamkeit zu erzeugen, war immer schon so. Heute sind es vor allem Klickzahlen, die man erzielen will. Aber wenn jemand nur noch die Überschrift liest, dann verändert das natürlich die Faktenwahrnehmung. Das ist wieder ein Argument dafür, dass wir unabhängigen Journalismus brauchen.

Von dem sie ja eingangs gesagt hatten, dass sie glauben, dass er überleben wird?
Ja, ich bin davon überzeugt, dass guter Journalismus überlebt und unabdingbar wichtig bleibt für die Demokratie und öffentliche Meinungsbildung.

Um das abzurunden, was raten Sie uns: Sollen wir im Journalismus bleiben oder sollen wir es Ihnen gleichtun und in die Politik wechseln?
Armin Laschet (lacht): Das ist ja eine persönliche Entscheidung. Politik und das Gestalten sind natürlich spannend. Beide Berufe und Wege sind nicht immer planbar und sicher. Ich habe das ja selbst erlebt: Erst war ich nur ehrenamtlich im Stadtrat engagiert. Dann wurde ich Bundestagsabgeordneter, 1994 habe ich den Wahlkreis gewonnen, 1998 wieder verloren. Das passiert auch.

Deswegen ist eine gute berufliche Basis wichtig, in die man dann zurückkehren kann. Politik hängt immer auch von vielen Faktoren ab. Und Journalismus? Gut, keiner kann vorhersagen, wie genau die Medienlandschaft in 20 Jahren aussieht – ich würde als junger Mensch trotzdem wieder in den Journalismus gehen und offen sein. Das gilt ja für jeden Beruf. Die wenigsten entscheiden sich heute mit 18 Jahren für einen Beruf, hören mit 67 auf und haben ein Berufsleben lang das Gleiche gemacht. Das ist ja auch spannend.