Das Leben wird besser.

Interview mit Sven Gábor Jánszky

Sven Gábor Jánszky (47) ist einer der bekanntesten deutschen Trend- und Zukunftsforscher. Er ist Gründer und Geschäftsführer des 2b AHEAD ThinkTanks. Mit Trendanalysen, Büchern und Vorträgen gestaltet er seit Jahren die Zukunftsstrategien vieler Branchen mit. Er gilt als Querdenker für Innovationen nicht nur in der deutschen Wirtschaft. Ulrich Breulmann sprach mit ihm in seinem Büro in Leipzig, in einer zu einem kreativen Zentrum umgestalteten alten Spinnerei. (Fotos: Wolfram Kiwit)

Klimakrise, eine aus den Fugen geratene Weltwirtschaft, neuer Nationalismus überall, irrational agierende Präsidenten – haben Sie Angst vor der Zukunft, Herr Jánszky?
Die kurze Antwort heißt nein. Im Gegenteil. Ich freu mich eher auf die Zukunft. Unter unseren Mitarbeitern gibt es den Slogan: Wir lieben die Zukunft.

Und die etwas längere Antwort?
Die Wahrscheinlichkeit, dass die Zukunft positiv wird, ist viel, viel höher, als dass die Zukunft negativ wird. Die Fundamentaldaten, an denen man Entwicklungen ablesen kann, sind gut: Der weltweite Analphabetismus geht runter, die Ernährung der Menschen auf Kilojoule-Basis geht hoch. Die Zahl der Menschen, die in Demokratien leben, geht hoch. Die Zahl der Menschen, die durch Krieg sterben, geht runter.

Man hat zuweilen einen anderen Eindruck, wenn man so auf die Nachrichten schaut…
Das liegt aber an den Nachrichten. Aber es gibt tatsächlich, wenn man die Faktenbasis nimmt, einen Punkt, der im Augenblick kritisch ist: Das ist das Klima. Die Erwärmung geht tatsächlich hoch und das ist in der Tat schlecht.

Ist das für Sie die größte Herausforderung?
Ja, das ist das Problem, wo der Trend gerade noch negativ ist. Ich bin kein Fan von diesen ganzen Apokalypse-Geschichten, im Gegenteil: Das ist Quatsch. Es gibt klare Möglichkeiten, das zu lösen. Die Hysterie der augenblicklichen Diskussion geht in die falsche Richtung. Darin steckt keine Lösung.

Wo steckt sie dann, die Lösung?
Aus Sicht eines Zukunftsforschers steckt sie in der Technologie, nicht in einem Verzicht. Ich halte es für völlig unwahrscheinlich, dass man durch Verbot und Verzicht zu einer Lösung kommt. Das geht nur durch Technologie, die schneller und besser, grüner und cleaner Energie produziert, die das Plastik aus den Meeren fischt.

Diese Technologien werden alle schon entwickelt. Meine Bedenken angesichts der aktuellen Hysterie ist, dass sie dazu führt, dass Technologie verteufelt wird und gebremst. Und wenn das passieren sollte, dann tut diese Bewegung genau das Gegenteil von dem, was sie tun müsste. Dann verhindert sie die Lösung des Klimaproblems, statt sie zu fördern.

Vielleicht hängt die Skepsis gegenüber Technologien damit zusammen, dass sich die Menschen von ihr bedroht fühlen. Was machen Künstliche Intelligenz und Digitalisierung mit unserem Leben?
Prinzipiell muss man sagen: Das Leben wird besser. Das kann man sehr plastisch machen im Bereich der Medizin. Technologie mit Künstlicher Intelligenz erkennt Krankheiten viel eher als Ärzte.

Wenn ich so auf ein Röntgenbild schaue, dann sieht die Technologie einfach zwei Jahre eher, dass sich da ein Lungenkrebs entwickelt. Künstliche Intelligenz wird in der Lage sein, Dinge zu prognostizieren.

Wie funktioniert das?
Sie nutzt Echtzeitdaten, erkennt Muster, macht eine Simulation und prognostiziert. Es gibt ein schönes Beispiel. VW hat vor zwei Jahren in Peking ein Pilotprojekt gemacht, hat auf Basis von Daten von Taxis beobachtet, wie sie fahren, und hat auf dieser Basis permanent gerechnet und prognostiziert: Wie sieht die Verkehrslage in 45 Minuten aus?

Wenn Sie jetzt wissen, wie der Verkehr in 45 Minuten aussieht, schicken Sie an jedes Auto ein Kommando: Fahr da lang, fahr so und so schnell.

Das Ergebnis: kein Stau. Das muss man jetzt auf unser Leben projizieren. Was passiert, wenn wir in jedem Bereich unseres Lebens prognostizieren können, wie es in zwei Stunden ist, in zwei Tagen, in zwei Wochen?

Haben Sie auch dafür ein Beispiel?
Also, wir sitzen jetzt hier und reden miteinander und irgend so eine Künstliche Intelligenz würde prognostizieren: Sven, heute Abend neigt dein Körper dazu, krank zu werden. Du hast diese Erkältung schon in dir. Und dann sagt sie: Wenn du das nicht willst, verhalte dich so und so. Dann werde ich mich natürlich anders verhalten.

Wenn Sie der Künstlichen Intelligenz vertrauen…
Natürlich. Es gibt sicher ein paar, die werden nicht vertrauen, aber die meisten werden feststellen: Sie hat in den meisten Fällen recht, warum sollte ich ihr also nicht trauen?

Sie gehen davon aus, dass sich diese Entwicklung in einem exponentiellen Tempo rasend schnell entwickeln wird. Viele Menschen beschleicht da das Gefühl, dass sie da nicht mehr mitkommen…
Ich halte das für völlig normal. Das war immer so. Denken Sie an die Zeiten, als der Strom erfunden und die Welt elektrifiziert wurde. Da war der Schritt viel größer.

Aber es stimmt, was in dieser Welt, in unserer Gesellschaft gerade ein Problem ist, ist, dass sich die Zukunftsbilder der Gesellschaft unterscheiden.

Inwiefern?
Diejenigen, die sich mit Technologie auseinandersetzen, haben ein sehr optimistisches Zukunftsbild. Die sagen: Unsere Kinder werden 120 Jahre alt, sie werden nicht mehr krank und sie lösen die Menschheitsprobleme und alle verdienen mehr Geld und alles ist schön.

Und es gibt andere, die sagen: Es wird schlimmer, unseren Kindern wird‘s nicht besser gehen als uns. Und da ist eine Riesenkluft dazwischen. Und diese Kluft liegt schlicht daran, wie sich diese Menschen informieren. Die einen informieren sich aus der aktuellen politischen Debatte, übermittelt durch die Medien.

Die anderen, denen ist diese aktuelle politische Debatte egal. Auch Medien sind ihnen oft egal, die informieren sich über Social Media aus ihren Technologiekreisen. Und zwischen beiden entsteht eine Kluft, die die Diskussion schwierig macht.

Schwierig auch für die Gesellschaft und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Kluft besteht ja zwischen denen, die mitgehen können und wollen, und denen, die das nicht können oder wollen…
Genau. Im Endergebnis ist diese Kluft aber vielleicht gar nicht so schlimm, weil auch die, die der Sache misstrauen, irgendwann die Vorteile sehen werden. Auch das Smartphone hat sich bei seiner Einführung niemand gewünscht. 80 Prozent haben gesagt: Totaler Quatsch, mach‘ ich nie.

Jetzt nutzen es alle. Wir als Zukunftsforscher sagen: Unser Job ist es, Zukunftsbilder zu gestalten – wir machen das für Unternehmen, wir sagen ihnen, wie ihre Welt, ihre Branche in zehn Jahren aussieht, und wie der Weg dahin ist. Das kann man natürlich auch für die Gesellschaft und für Einzelmenschen machen.

Und wie sieht es aus für unsere Gesellschaft?
Unsere Gesellschaft krankt im Augenblick daran, dass wir keine echten Zukunftsbilder haben. Dass sich im Bundestag niemand darüber unterhält: Wie sieht die Welt im Jahr 2030, 2040 aus?

Sie sprechen jetzt aber nicht von Visionen?
Nein, nein. Wir sind keine Wahrsager. Ich spreche davon, dass aufgrund der jetzigen technologischen und auch gesellschaftlichen Entwicklungen, die halt da sind – also Demographie etwa, die Menschen sind ja schon geboren oder eben nicht geboren. Die Fakten sind da.

Und in der Technologie ist das genauso. Es gibt in dieser Welt eine große Anzahl solcher Fakten, auf Grund derer man sehr klar mit wissenschaftlichen Methoden Prognosen über die nächsten 10, 20, vielleicht sogar 30 Jahre machen kann. Aus diesen Zukunftsprognosen kann man Zukunftsbilder entwerfen.

Was verstehen Sie unter Zukunftsbildern?
Ein Zukunftsbild hat nichts zu tun mit „Wünsch dir was“, sondern es bedeutet: Dahin geht die Welt gerade. Genau das wird aus meiner Sicht aber nicht diskutiert.

Sie sagen, dass uns im Jahr 2025 drei Millionen Arbeitskräfte fehlen werden. Wie kann das sein, wenn doch durch Künstliche Intelligenz viele Arbeitsplätze wegfallen werden?
Was nach unseren Arbeitsmarktprognosen zwischen jetzt und 2040, 45 passiert, ist, dass Künstliche Intelligenz tatsächlich ein paar Jobs wegautomatisiert, dass aber an anderer Stelle neue Jobs entstehen, vermutlich sogar ein bisschen mehr als wegbrechen.

Das hält ungefähr bis 2040, 2045 an, dann ist die Technologie wahrscheinlich so stark, dass tatsächlich in Masse menschliche Arbeit wegautomatisiert wird. Innerhalb der nächsten 30 Jahre hat aber schon etwas eingesetzt, was ein völlig anderer Trend ist: die Massenverrentung der Babyboomer.

Bis 2025 sind 6,5 Millionen Menschen weniger im deutschen Arbeitsmarkt als 2015. Heute gibt es rund 2,4 Millionen Arbeitslose, außerdem muss man die Automatisierung einrechnen, unterm Strich kommen Sie auf fehlende 3 Millionen Arbeitskräfte.

Nun sind die Arbeitsplätze, die wegfallen, in der Regel eher einfacher Art. Aber für die Arbeitsplätze, die entstehen, werden hochqualifizierte Fachkräfte gebraucht. Da gibt es schon wieder eine Kluft.
Ja, diese Kluft gibt es und es ist der Job des Staates, diese Kluft kleiner zu machen. Wir müssen uns dazu lösen von der Vorstellung, dass wir am Anfang des Lebens etwas lernen und das reicht dann bis zum Lebensende. Das ist schon heute nicht mehr so, das wird in Zukunft nie mehr so sein.

Jedem muss klar sein: Jeder hat die Pflicht zur Weiterbildung. Wenn wir das tatsächlich ernst nehmen würden, was wir schon lange über das lebenslanges Lernen erzählen, dann gäbe es die Pflicht, alle zehn Jahre aus dem Job rauszugehen und sich für ein halbes oder ganzes Jahr neu auszubilden.

Unternehmen und Unis klagen schon heute, dass die Schulen die Menschen nicht genügend vorbereiten auf das, was da kommt. Wie müsste die ideale Schule aussehen?
Das Wichtigste sind Lehrer, weil sie künftig weniger Wissensvermittler sind als vielmehr Coaches, die es verstehen, Schülern Lust aufs Lernen zu machen, Dinge in den Kontext zu setzen. Ich glaube, dass unser Schulsystem im Moment sehr stark daran krankt, dass die Leute, die am besten dafür geeignet wären, nicht Lehrer werden.

Das hat etwas mit Bezahlung und anderem zu tun. Wir müssen auch an die Schulfächer ran, an den Lehrplan. Diese Wissensvermittlungsfächer verlieren an Bedeutung, weil erstens dieses Wissen, das mir ein Lehrer, der vor 5 oder 20 Jahren studiert hat, heute vermitteln kann, nicht das ist, was der Welt heute entspricht. Zweitens, weil die Technologie es möglich macht, dass ich von den Besten der Welt lernen kann.

Warum soll ich von einem Lehrer, der irgendwann mal etwas über ein Thema gelernt hat, lernen und nicht in einem Online-Kurs vom weltbesten Professor?

Das hat natürlich was mit der pädagogischen Vermittlung zu tun…
Das ist klar, aber es gibt genügend Leute an den Unis, die ihr Wissen auch gut vermitteln können.

Was müssten denn die Schulfächer der Zukunft sein?
Mut, Verantwortung, Reflexion, Teamfähigkeit, Programmieren selbstverständlich und Vergessen.

Das klingt komisch…
Ja, genau, aber diese Punkte sind entscheidend. Und ob die Schulfächer dann genau so heißen, ist mir auch völlig egal. Aber genau diese Fähigkeiten muss ein Schüler aus meiner Sicht lernen.

Warum Vergessen?
Das ist für mich das Wichtigste. Unser Job ist es, in Unternehmen Innovationen reinzubringen. Unsere Grundaufgabe, wenn wir Unternehmen zukunftssicher machen wollen, ist es, die Mitarbeiter, die Führungskräfte ihre alten Regeln vergessen, weglegen zu lassen, um offen zu sein für Neues.

Das Schwierigste ist nicht, sie davon zu überzeugen, dass es neu und anders wird, sondern sie Altes vergessen zu lassen, weil in ihrem ganzen Leben seit der Schule das Vergessen etwas Schlechtes war. Vergessen wurde immer bestraft. Man musste immer lernen, neu, neu, neu und sich alles merken.

Als Schule mal eingeführt wurde, war das aus meiner Sicht der richtige Weg. Heute muss ich die Dinge erkennen, die überaltert sind, sie loslassen, vergessen und etwas neu machen. Das wird an heutigen Schulen nicht gelehrt.

Und wie soll die Weiterbildung funktionieren?
Wenn der Staat eine Pflicht zur Weiterbildung einführen sollte, wie ich das für sinnvoll halte, muss er dafür auch Möglichkeiten schaffen.

Aus der Bundesagentur für Arbeit, die ja offensichtlich weniger Vermittlungen machen muss, weil es nur noch einen ganz geringen Sockelsatz an Arbeitslosen gibt, könnte eine Bundesagentur für Weiterbildung werden. Das Geld, das man für die Vermittlung nicht mehr braucht, könnte man in Weiterbildung stecken.

Sie sprachen jüngst davon, dass es künftig normal wäre, in Projekten zu denken, und nicht nur einen, sondern 10 oder 12 Arbeitsplätze in einem Leben zu haben. Wie verträgt sich das mit dem Bedürfnis nach Kontinuität, nach festen Sozialstrukturen, nach dem, was man Heimat nennen könnte?
Ich glaube, dass es dieses Bedürfnis nach Stabilität gibt, ja, aber nicht bei allen Menschen. Und es bei den Menschen in den unterschiedlichen Phasen ihres Lebens unterschiedlich ausgeprägt ist.

Früher ist man von drei Lebensphasen ausgegangen – Jugend, Arbeit, Rente. Heute beschreiben wir acht und in der Zukunft werden es wahrscheinlich noch mehr sein. Die Sehnsucht nach Stabilität ist in der Phase, wenn jemand in seinen ersten Job geht, wesentlich geringer ausgeprägt als in der späteren Phase, wenn jemand eine Familie gründet.

Wenn die Kinder aus dem Haus sind, erhöht sich wieder die Freiheit, die Beweglichkeit. Das heißt: Menschen haben in ihrem Leben ein sehr unterschiedliches Bedürfnis nach Stabilität. Das führt dann zu der Prognose, dass in dieser Arbeitswelt der Vollbeschäftigung bei jedem halbwegs Ausgebildeten alle zwei Wochen ein Headhunter anruft.

Ungefähr 40 Prozent der Menschen werden sagen: Ne, ruf‘ nicht wieder an. Dann gibt es 20 Selbstständige, Unternehmer. Die restlichen 40 Prozent, die sind interessant: Die sind bei diesen Anrufen der Headhunter total offen, vielleicht nicht beim ersten Anruf, aber beim fünften oder sechsten und sagen: Okay, ich probier‘ das mal, ich kann ja quasi nichts falsch machen.

Wird Homeoffice dabei eine größere Rolle spielen, weil man zwar beruflich flexibler wird, aber lokal verbunden bleibt?
Ja, wobei die Diskussion um Homeoffice gerade ein bisschen too much für mich ist. Wenn ich gefragt würde: Womit charakterisierst du die Arbeitswelt der Zukunft, würde ich nicht als erstes sagen: Homeoffice, sondern: Die Verantwortung zur Wahl des Ortes, um möglichst schnell und produktiv zu arbeiten, liegt beim Mitarbeiter.

Der Mitarbeiter hat sich zu überlegen: Was mache ich heute und sucht sich dafür den besten Platz. Wenn der beste Platz zuhause ist, dann bleibt er halt zuhause.

Ein anderer Punkt. Sie sagen, dass Datenanalyse immer wichtiger wird und zitieren gerne einen Arzt..
… Professor Arkadiusz Miernik…

…der gesagt hat: Die häufigste Todesursache in Deutschland ist der Datenschutz. Behindern wir uns da in Deutschland zu sehr durch unsere Datenschutzgesetze?
Massiv. Der wichtigste Punkt ist fast banal: Es gibt ein großes Missverständnis bei vielen, die über Digitalisierung reden. Die meisten reden, wenn sie über Digitalisierung reden, über Vernetzung. Politiker reden über Kabel in die Erde und so weiter. Das hat aber nichts mit Digitalisierung zu tun.

Sondern?
Digitalisierung folgt einem einfachen Dreisatz.

Erstens: Alles, was gemessen werden kann, wird irgendwann gemessen werden. Selbst Dinge, von denen wir dachten, dass sie nicht messbar sind wie der menschliche Emotionszustand. Aus allem, was messbar ist, kann ich zweitens Prognosen erstellen. Alles, was prognostiziert werden kann, kann drittens verbessert werden.

Wenn ich es jetzt weiß, kann ich Maßnahmen ergreifen, damit diese Prognose eintrifft oder verhindert wird. Dieser letzte Satz – alles kann verbessert werden – ist der treibende Punkt, warum diese Digitalisierung so stark durch die ganze Gesellschaft rauscht und durch nichts aufzuhalten ist. Weil es mit ihr besser wird.

Und wo liegt jetzt das Missverständnis?
Diejenigen, die bei uns über Daten sprechen – in Politik, aber auch in Unternehmen – haben zumeist ein komisches Verständnis von Daten. Die denken, wir reden über Datenbanken, Tabellen, statische Daten wie Name, Adresse und so weiter. Das war früher so, vor 60 Jahren, als Computer in die Welt kamen.

Aber inzwischen reden wir, wenn wir über Daten und Digitalisierung reden, nicht mehr über diese statischen Daten, sondern über Echtzeitdaten. Das haben die meisten Entscheidungsträger in diesem Land, mit denen ich rede, einfach noch nicht kapiert.

Weil sie Angst haben, dass diese Daten missbraucht werden können?
In Europa wird immer gedacht, dass die Daten in andere Hände kommen und von anderen manipuliert und missbraucht werden können. Wenn man sich die letzten 20, 30 Jahre der Technologieentwicklung anschaut, ist es aber andersrum.

Die Daten kommen in die Hände der Menschen. Und die Menschen haben entweder einen Nutzen von diesen Daten und nutzen sie. Oder sie haben keinen Nutzen und nutzen sie halt nicht. Wenn sich Deutschland da raushält, dann nutzen die Menschen eben die Services der anderen, der Chinesen, der Amerikaner.

Kommen wir zu einem anderen Punkt. Medienhäuser wie wir spüren den Wandel seit Jahren – die Leserschaft teilt sich auf immer mehr Medien-Angebote auf. Anzeigenerlöse wachsen insbesondere bei Google und Facebook. Wie bleiben wir unabhängig informiert? Erleben wir das Ende des freien, staatsfernen, privaten Qualitätsjournalismus?
Das ist eine total wichtige Frage. Ich bin mir nicht sicher, dass ich das Ende prognostizieren kann. Wir kommen aus einer Welt, in der die Kundensequentierung – nicht nur bei Ihnen, aber auch – so war, dass es in einer Pyramide drei Bereiche gab.

Unten ein Economy-Bereich, in Ihrem Fall stünden hier die kostenlosen Anzeigenblätter. In der Mitte der breite Standard-Bereich, in dem Sie bisher Ihre Geschäfte gemacht haben. Und oben eine schmale Spitze, der Premiumbereich, die teuren Magazine.

Und wie sieht das Bild künftig aus?
Den großen Standardbereich gibt es nicht mehr. Es gibt einen Economy-Bereich, der riesige, kostenlose Bereich und es gibt einen kleinen Premiumbereich. In diesem Premiumbereich findet nach wie vor seriöser, guter Journalismus statt.

Die Finanzierung läuft hier über Verkaufs-, also Abogebühren. Im großen unteren Bereich ist die Logik eine andere. Die Logik ist hier: Der Mensch bekommt etwas kostenlos und dadurch gibt er Daten frei. Und auf Basis dieser Daten kriegt er Angebote, es wird irgendwas verkauft.

Wer vorher im Standardbereich war, denkt schnell: Oh Gott, das untere Segment, da ist alles kostenlos. Aber sie sehen nicht, dass es in Wahrheit gar nicht kostenlos ist. Dahinter steckt ja ein Geschäftsmodell.

Es wird nicht mit Geld, sondern mit Daten bezahlt.
So ist es, ja. Und ehrlich gesagt, ist es nicht schlimm. Für die Menschen ist es gut.

Die meisten Medien, die ich kenne, sagen: Okay, wir wollen hier unten rein. Sie setzen ihre Themen runter, sie setzen die intellektuelle Höhe, in der sie berichten, runter, um in diesen Bereich zu gehen. Da ist viel Klatsch und Tratsch und Ideologie.

Sie klingen skeptisch.
Ja, aus meiner Sicht ist das eine komische Strategie. Ich kann das machen, wenn ich im Hintergrund ein datengetriebenes Geschäft habe. Wenn ich also einen Online-Handel habe. Dann funktioniert das.

Wenn ich den nicht habe, wie die meisten Medienhäuser, dann muss ich versuchen, in das Premium-Segment zu kommen.

Also heißt die Alternative: Weiterentwicklung zu einem Datenhaus, das mit Daten getrieben einen Online-Handel betreibt, oder noch mehr Qualität?
Richtig. In diesem Massenweg, das muss man einfach aus den Köpfen der Medienbranche rauskriegen, wird das Geld nicht verdient über Werbung, sondern es wird verdient über das Verkaufen.

Ich verkaufe, in dem ich KI-gestützte Prognosen mache, was der Kunde demnächst braucht und kaufen wird oder was er gerade sucht. Dann verkaufe ich ihm entweder eine Büroklammer oder eine Werkzeugmaschine.

Im Netz sehen wir, dass sich ein Großteil der Menschen mittlerweile über Facebook, Youtube, Instagram informiert. Da werden ihnen über Algorithmen die Nachrichten und Meinungen zugespielt, die ihre eigene Meinung, ihre eigene Position bestätigen – wie in einer Echokammer. Ist das für eine Demokratie, die auf informierte Bürger setzt, eine Gefährdung?
Das ist ja nicht neu, sondern nutzt nur eine andere Technologie. Dasselbe Phänomen, das Sie beschreiben, gab es auch früher schon an Stammtischen. Das einzige, was neu ist, ist, dass sie jeder sehen kann und dass sie über die Ortskneipe hinausgeht. Stammtische waren auch früher schon Echokammern.

Nach der basisdemokratischen Lehre könnte man sagen: Es ist ganz toll, wenn möglichst viele Menschen ihre Meinung äußern. Aus meiner Sicht muss man jetzt mit den Konsequenzen leben.

Wobei die Gefahr, dass die Verführbarkeit durch Populisten größer geworden ist…
Ja, und zwar auf jeder Seite. Wir sehen das bei der AfD, wir sehen das bei Greta Thunberg. Das sind zwei völlig verschiedene Seiten, aber da greifen genau dieselben Mechanismen der Verführung.

Wichtig ist, dass diejenigen, die in dieser Welt politisch wirksam werden möchten, die Regeln dieser neuen Medienwelt verstehen müssen. Greta Thunberg versteht sie.

Widerspricht sich natürlich: Die Welt wird komplexer, komplizierter und die Botschaften werden einfacher, plakativer. Einfache Wahrheiten setzen sich leichter durch…
Ich würde das differenzierter sehen. Einfache Wahrheiten bekommen größere Aufmerksamkeit. Ob sie sich final durchsetzen, bezweifle ich sehr stark, weil gleichzeitig das Phänomen der Stichflammen wächst. Da ist mal wieder ein halbes Jahr eine Aktion und dann geht das wieder runter.

Ich glaube, dass auf eine ähnliche Weise künftig gesellschaftliche Willensbildung funktionieren wird. Ich glaube, die Zeit, in der wir alle vier oder fünf Jahre politische Vertreter gewählt haben und die dann irgendwas entschieden haben, die ist vorbei und kommt auch nicht wieder.

Wie wird die Welt dann aussehen, wenn nicht alle vier, fünf Jahre gewählt wird?
Fragmentiert. Ich wollte nicht sagen, dass da nicht gewählt wird. Diese parlamentarische Demokratie hat ein großes Interesse am Selbsterhalt. Aber sie setzt nicht mehr die Themen. Wenn wir nur 40 Jahre, vor die Wende, zurückschauen, da hatte man innerhalb des Parteienspektrums echte Visionen oder auch echte Unterschiede.

Die einen waren irgendwie RAF-nah, und es war nicht von allen akzeptiert, aber die waren halt da. Auf der anderen Seite waren die anderen genauso radikal. Da gab es ein echtes Meinungsspektrum.

Und wie sehen Sie das heute?
Das Parteienspektrum ist seit der Wende geschmolzen. Wenn ich heute den Bundestag beschreiben müsste – muss ich manchmal machen – sage ich: Das ist eine einzige große konservative Bewahrer-Partei. Die hat verschiedene Farbmuster, CDU, SPD, FDP, Teile der Grünen und Teile der Linken, das ist alles diese konservative Bewahrerpartei.

Dadurch, dass das so zusammengeschrumpft ist, sind auf der reaktionären und auf der progressiven Seite Lücken entstanden. Auf der reaktionären Seite nutzt die AfD diese Lücke. Auf der progressiven Seite – heißt: Ich habe ein Zukunftsbild und sage den Menschen, in zehn Jahren ist es besser als heute, eure Kinder werden besser leben, wenn ihr meinen Ideen folgt – dort ist eine Lücke.

Das sagt im Moment keine einzige Partei. Ich glaube, da kommt irgendwann mal was.

Haben Sie überlegt, diese Lücke selbst zu füllen und in die Politik zu gehen?
Ja, schon oft. Ich habe mich bisher immer noch gescheut, weil ich das Kleinklein und die Grabenkämpfe von Parteiarbeit nicht haben möchte. Aber natürlich ist der Gedanke trotzdem in mir drin.

Wir haben über die wahnsinnigen Veränderungen gesprochen, die auf uns zukommen. Zugleich haben Sie gesagt, dass die Eckdaten für die Entwicklung der Menschheit nicht schlecht sind. Trotzdem gibt es eine große Verunsicherung über die Zukunft. Ist das für sie positiv in dem Sinne, dass sich mehr Menschen um die Zukunft sorgen und dann zu Ihnen kommen?
Ja, das ist so. Wir machen als Zukunftsforscher zwei Dinge: Erstens Zukunftsprognosen, Studien, entwickeln Zukunftsbilder, zweitens sind wir Strategieberater und helfen Unternehmen, die Zukunft zu entwickeln.

Natürlich spielt uns diese Zukunftsangst, die Sie beschreiben, in die Karten. Ich würde mir dennoch wünschen, dass die Menschen nicht aus Zukunftsangst zu mir kommen, sondern aus Freude, aus Lust, die Zukunft zu gestalten.

Wenn sie aus dem Antrieb kommen würden, dass es ihren Kindern besser gehen soll als ihnen selbst, ist das ein wahnsinnig starker Antrieb. Ich glaube, was wir heute Wirtschaftswunder nennen, ist zu einem ganz großen Teil genau aus diesem Antrieb entstanden.

Und dieser Antrieb spielt heute keine Rolle mehr?
So ist das wohl. In den 80er- und 90er-Jahren, in denen es uns allen gut ging, ist der Gedanke, meinen Kindern soll es besser gehen als mir, irgendwie verloren gegangen. Mir geht es ja schon gut, warum soll es meinen Kindern noch besser gehen?

Aber in anderen Ländern, etwa in China, sind die Menschen extrem getrieben durch diesen Gedanken. In Deutschland fehlt ein solches Zukunftsbild. Man könnte es den Wählern aber anbieten und sagen: Unser Ziel ist ein Plus von 10 Prozent beim Haushaltseinkommen, unser Ziel ist kostenlose Mobilität, Steigerung der Lebenserwartung auf 100, man kann auch 120 Jahre sagen, unser Ziel ist ein kostenloses, lebenslanges Weiterbildungsprogramm.

Das sind alles total konkrete Punkte, die es in der Welt schon gibt, die technologisch möglich sind, die aber in Deutschland nicht gemacht werden.

Glauben Sie denn, dass Ihre Kinder glücklicher werden, wenn die 120 Jahre alt werden?
Aus meiner Sicht ist Glück immer nur quasi eine Sekunde oder eine Millisekunde, wenn man sich tatsächlich verstanden und geborgen fühlt. Glück ist ein sehr flüchtiges Ding.

Und wenn man diese Vorstellung von Glück hat, dann wird mein Sohn nicht mehr und nicht weniger glücklich sein als ich. Was wir mit Glück meinen, ist meist so etwas wie Zufriedenheit. Und Zufriedenheit entsteht durch Vergleich mit seinen eigenen Zielen oder mit anderen.

Ich glaube, dass mein Sohn die Chance hat, zufriedener zu sein als ich, weil er mehr Möglichkeiten haben wird, seine möglichen Ziele zu erreichen.

Es wird trotzdem viele Menschen geben, die nicht bereit sein werden, in die Dinge zu investieren, von denen Sie sagen, dass wir sie brauchen, wie Weiterbildung. Die diese schnellen Intervalle nicht mitmachen wollen oder können.
Es gibt eine sehr interessante Nebenlinie der klassischen Psychologie. Die geht davon aus, dass etwa 15 bis 20 Prozent der Menschen in dieser Welt in ihrer Psyche – in der Psychologie heißt das der ideale Erregungszustand – immer dann in sich ruhen, mit sich zufrieden sind, wenn sie ein bisschen im Risiko sind.

Das sind die, die von sich aus die neuen Chancen nehmen. Dann haben wir 80, vielleicht sogar 85 Prozent, die in ihrer Psyche das ideale Erregungslevel haben, wenn sich nichts ändert, wenn alles stabil ist. Das sind die, nach denen Sie fragen.

Und was ist mit denen?
Bei denen ist es mitnichten so, dass sich in ihrem Leben nichts bewegt, sondern die bewegen sich immer dann, wenn sie müssen. Wenn sie unter Druck kommen, weil es anders nicht geht.

Ich nehme jetzt mal ein einfaches Beispiel. Wenn selbstfahrende Autos kommen und die Taxi- Unternehmen Flotten mit Roboter-Taxis in die Innenstädte stellen, dann werden Taxifahrer unter Druck gesetzt. Die müssen was anderes lernen.

Wie die Kutscher früher ..
Genau. Es gibt ja viele Berufe, die es früher gab und heute nicht mehr gibt. Die Taxifahrer werden solange protestieren, bis es nicht mehr geht. Dann ist der Druck so groß, dann werden sie umlernen. Das geht.

Im Silicon Valley gibt es ein Weiterbildungsinstitut, das nennt sich Hack Reactor, wo Menschen das Programmieren beigebracht wird. Das Modell ist so, dass meist Menschen aus Asien mit einem Touristenvisum einreisen. Und wenn die binnen drei Monaten – solange gilt das Visum – das Programmieren auf einem Niveau lernen, das eine Festanstellung rechtfertigt, dann dürfen die bleiben.

Die Erfolgsquote, die sie nennen, liegt bei 98 Prozent. Kurz gesagt: Jeder Taxifahrer, jeder Ihrer Redakteure kann binnen drei Monaten Programmieren lernen, wenn er nur will.